Die Colorado Avalanche ist in den Playoffs ihrer Favoritenrolle bisher gerec... - Bildquelle: Getty ImagesDie Colorado Avalanche ist in den Playoffs ihrer Favoritenrolle bisher gerecht geworden. Gelingt jetzt der ganz große Coup? © Getty Images

München/Denver - Nico Sturm und Co. reduzieren das Erfolgsrezept der Colorado Avalanche auf eine einfache Formel. "Wenn du der Beste sein willst", sagte Head Coach Jared Bednar mit Blick auf das bevorstehende Stanley-Cup-Finale, "musst du in der Lage sein, die Besten zu schlagen."

Und wer böte sich da besser an, als der Titelverteidiger, als der Champion der letzte beiden Spielzeiten, als die Tampa Bay Lightning. "Wir sind bereit für diese Herausforderung, es wird eine lange, hart umkämpfte Serie. Zwei großartige Teams gehen es an", ergänzte Bednar - und setzte hinzu: "Wir sind überzeugt von dem, was wir tun."

Daran gibt es spätestens seit dem Halbfinale mit dem Sweep (4:0-Siege) gegen Leon Draisaitl und die Edmonton Oilers keinen Zweifel mehr. Die Avalanche zeigte darin ihr gesamtes Repertoire, gewann ein Torspektakel, ließ sich von Rückständen nicht aus der Bahn werfen, hielt dem Nervenkitzel einer Verlängerung stand, kompensierte Verletzungen auf Schlüsselpositionen und bewies auch defensive Stabilität, wenn sie gefragt war.

Der kanadische NHL-Experte Pierre Lebrun hält bei "The Athletic" fest: "Es fühlt sich wirklich danach an, als ob Colorados Zeit gekommen ist, (...) , nachdem mit Geduld und ein paar Optimierungen ein spektakulärer Kader gebildet wurde."

Ein spektakulärer Kader von Joe Sakic gebaut

Für dieses Aufgebot ist General Manager Joe Sakic verantwortlich, einer der als Mitglied des Triple Gold Clubs (Stanley Cup, WM-Titel, Olympiasieg) weiß, wie sich Gewinnen anfühlt und dessen Trikot mit der Nummer "19" in Ehren unter dem Hallendach der Ball Arena in Denver hängt.

Sakic hat den ersten Cup-Triumph der Avalanche vor 26 Jahren mit dem entscheidenden Treffer von Uwe Krupp als überragender Spieler miterlebt. Er hatte ein weiteres Mal maßgeblichen Einfluss als der große Ray Bourque 2001 an Sakics Seite seine Cup-Mission vollendete. Und auch bei Colorados drittem Finale ist "Super Joe" auf eine gewisse Art der Spiritus rector.

Aus dem strategischen Baukasten des 52-Jährigen entstand nach dem Tiefpunkt 2017, als die Avalanche das schlechteste NHL-Team überhaupt stellte, eine Mannschaft mit Unmengen an Talent, mit einem Spielstil in atemberaubender Geschwindigkeit, mit Ideenreichtum und Improvisationskunst, aber auch mit der nötigen Robustheit und Zweikampfhärte.

Cale Makar für Gretzky so gut wie einst Bobby Orr

In der Verteidigung sticht ein 23-Jähriger heraus, dem zugetraut wird, das Spiel auf seiner Position ähnlich zu prägen wie es einst der legendäre Bobby Orr tat - Cale Makar. Den Vergleich zur Legende der Boston Bruins zog kein Geringerer als "The Great One" Wayne Gretzky. "Er ist wahrscheinlich im Moment der beste Spieler der Liga", lobte auch Avalanche-Goalgetter Nathan MacKinnon und findet, Makar könne es zu einem der besten Verteidiger bringen, die je Eishockey gespielt haben. Eben so wie Bobby Orr.

Ganz schön viel Hymnisches für einen jungen Kerl, doch die Leistungen des Kanadiers lassen weniger Begeisterung kaum zu. 22 Scorerpunkte (5 Tore/17 Assists) hat er in 14 Playoffspielen gesammelt - nach 86 Zählern (28/58) in der 77 Spielen der NHL-Hauptrunde.

Makar brilliert läuferisch, er hat Gespür, offensive Klasse, das Auge und die Fähigkeiten für die richtige Aktion im richtigen Moment. Und er ist sich auch für das physisches Element nicht zu schade. Kurzum: Makar vereint das komplette Paket auf sich, er ist das Kernstück der Avalanche und im Falle des Sieges auch der wahrscheinliche MVP.

Neben Makar trägt Devon Toews die offensive Last der Defensive, ein Spieler, der sich seit dem Wechsel von den New York Islanders in die Mile High City überaus gut entwickelt hat, fraglos ein Transfercoup Sakics. Dessen Händchen für erfolgreiche Deals brachte auch den kernigen Josh Manson von den Anaheim Ducks zu den Avs und damit weitere Qualität in die Verteidigung.

Umrahmt werden die Drei von Top-Talent Bowen Byram, der allerdings mit 21 Jahren schon eine bedenkliche Geschichte an Gehirnschütterungen mitbringt, von Routinier Erik Johnson, einem wichtigen Führungsspieler und Jack Johnson, einem von langen NHL-Jahren gestählten Profi, der schon abgeschrieben schien. Verletzt fehlt nach einem Bruch des Brustbeins der spielerisch starke Samuel Girard.

MacKinnon ist der gefährlichste Angreifer

Der Angriff hat eine Tiefe an Qualität, die wohl kein zweites Mal in der Liga zu finden ist. Allen voran MacKinnon, der mit enormer Wucht, Geradlinigkeit, Präzision und eben dieser faszinierenden, Colorado-eigenen Geschwindigkeit den Gegner häufig schon im Alleingang von einer Unzulänglichkeit in die nächste zu stürzen vermag. Elf Tore hat der Power Forward in den Playoffs bereits erzielt, ein Top-Wert. Als erstem Spieler der Avs-Historie gelangen dem 26-Jährigen zwei Hattricks in der Endrunde.

Und sollte MacKinnon einmal nicht durchbrechen, dann sind die Finnen Mikko Rantanen und Artturi Lehkonen (noch so ein geglückter Sakic-Transfer) kaum weniger explosiv - oder aber Kapitän Gabriel Landeskog, der rechtzeitig zu den Playoffs eine Verletzung überstanden hatte und sich ebenfalls in herausragender Verfassung präsentiert.

Die Aufzählung lässt sich weiter fortsetzen mit Nazem Kadri, der die beste NHL-Hauptrunde seiner Karriere spielte und den Sakic aus Toronto nach Denver lotste. Hinter Kadris Einsatz steht infolge einer Handverletzung aber ein Fragezeichen. Wichtige Rollen nahmen bisher auch J.T. Compher und der Russe Waleri Nitschuschkin ein, die nicht nur die Top-Stars entlasten, sondern auch selbst reichlich Treffer beisteuern.

Hat Sturm seinen Krupp-Moment?

Und dann gibt es jene, die selten im Rampenlicht stehen, die aber gerade in den Playoffs manchmal zur Spielern für besondere Augenblicke werden. Solche wie Darren Helm, der mit seinem einzigen Tor dieser NHL-Endrunde die Serie gegen die St. Louis Blues entschied - knapp sechs Sekunden vor Spielschluss. Eine Rolle, die auch für Nico Sturm wie gemacht scheint.

Der Anteil des Deutschen am Erfolg beschränkt sich weitgehend auf die Defensivarbeit. Mit seiner Stärke im Bullykreis, seiner Physis und dem robusten Zweikampfverhalten hilft er, Unheil vom eigenen Tor fernzuhalten. Offensive Akzente sind eher selten, der Center wartet etwa auch nach wie vor auf seinen ersten Treffer für Colorado. Zuletzt waren die Gelegenheiten auch rar, gegen Edmonton wurde er nur in einem Spiel eingesetzt.

Bei all der Klasse: Wo ist die Schwachstelle? Vielleicht im Tor, wo weder Darcy Kuemper noch Pavel Francouz die Aura des zweimaligen Champions Andrei Wasilewski mitbringen, der bei Tampa Bay mal wieder in außergewöhnlicher Form agiert. Zudem hat Kuemper schon einige Blessuren erlitten und ist auch deswegen eine unbekannte Variable.

Sturm könnte als fünfter Deutscher den Stanley Cup holen

Andere Verletzungen wie jene von Kadri erhöht aber Sturms Chance, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in Finale eins (2 Uhr) dabei zu sein. "Jedes Kind, das Eishockey spielt, hat schon mal davon geträumt, in einem Stanley-Cup-Finale das entscheidende Tor zu schießen und dann den Cup in die Höhe zu stemmen", erzählte der 27-Jährige dieser Tage.

Übrigens ist auch Sturm auf Betreiben von Sakic in Colorado gelandet - und ein Deutscher hat die Franchise aus Denver schon mal mit dem entscheidenden Treffer zum ultimativen Preis geführt. "Sein Tor ist natürlich legendär hier", sagte Sturm über Krupps einstigen Schlagschuss ins Glück. Ist Sturm nach Krupp (1996), Dennis Seidenberg (2011), Tom Kühnhackl (2016, 2017) und Philipp Grubauer (2018) bald der fünfte Deutsche, dessen Name auf der ältesten Trophäe im nordamerikanischen Sport eingraviert wird?

von Ruben Stark

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