Verteilt die Bälle jetzt in der XFL: Landry Jones warf in seinen sechs Jahre... - Bildquelle: Getty ImagesVerteilt die Bälle jetzt in der XFL: Landry Jones warf in seinen sechs Jahren bei Pittsburgh Steelers je acht Touchdownpässe und Interceptions © Getty Images

München/Dallas - Auf was habe ich mich da nur eingelassen? Das könnte sich Landry Jones im vergangenen Dezember gefragt haben. Nachdem der Quarterback durch einen Zeitungsbericht erfahren musste, dass ihm die Bosse der neu geschaffenen XFL den Weg zurück in die NFL verbaut hatten - zumindest vorerst.

Jones gilt als größte Attraktion der Liga, die in den Monaten nach dem Super Bowl LIV den Hunger der nimmersatten Football-Fans stillen will. Immerhin stand der 30-Jährige fünf Jahre lang bei den Pittsburgh Steelers unter Vertrag. Und lernte dort von Ben Roethlisberger - einem der besten seines Fachs.

Roethlisberger-Saisonaus ließ Steelers an Jones denken

Und eben dieser "Big Ben" hätte Jones beinahe eine zweite Chance bei der Franchise in "Steel City" beschert. Seine hartnäckige Ellbogenverletzung bedeutete das zeitige Saisonaus für den zweimaligen Super-Bowl-Champion im Jubiläumsjahr der NFL.

Die Steelers schauten sich also nach Ersatz um - zumindest für die Backup-Position hinter Rookie Mason Rudolph. Und kamen schnell auf Jones. Den alten Bekannten, der sich jedoch wenige Wochen zuvor vertraglich an die XFL gebunden hatte.

XFL erteilt Steelers eine klare Absage

So klingelten die Steelers also bei den Liga-Bossen durch - und handelten sich eine Absage ein. XFL-Commissioner Oliver Luck verriet "ESPN": "Wir haben ihnen mitgeteilt, dass er bei uns unter Vertrag steht und kein Interesse an der NFL hätte."

Was offenkundig nicht einmal die halbe Wahrheit war. Denn "ESPN" berichtet eben auch, Jones hätte nach Roethlisbergers Ausfall auf die Rückkehr zu den Steelers spekuliert und sich gewundert, dass die Franchise ihn nicht kontaktiert habe. "Ich wünschte, sie hätten mich angerufen. Es geht schließlich um Karrieren", trauert Jones der Chance hinterher.

XFL-Zugpferd zum dritten Mal Vater geworden

Doch wer weiß schon, wofür diese auf den ersten Blick so niederschmetternde Episode noch gut sein wird? Zunächst einmal dürfte Jones die Geburt des dritten gemeinsamen Kindes mit seiner Ehefrau Whtiney, einer ehemaligen Basketball-Spielerin, über die Enttäuschung hinweggetröstet haben.

Und mutmaßlich auch die Aussicht, das XFL-Zugpferd schlechthin zu sein. In den kommenden Wochen also viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bei den Steelers wäre er wohl nur als Backup eingeplant gewesen.

Jones fehlte in Week 1 verletzt

Bei den Dallas Renegades soll Jones vorangehen, die Kollegen führen. Im Auswärtsspiel bei den Los Angeles Wildcats (So., ab 21 Uhr im kostenlosen Livestream auf ran.de) könnte er sein Debüt geben, nachdem ihn eine im Trainingscamp erlittene Knieverletzung beim 9:15 gegen die St. Louis BlackHawks an der Seitenlinie hielt.

Auch der Gegner aus Kalifornien hat seine erste Partie verloren, es steht angesichts von nur zehn Spieltagen in der Regular Season also schon eine Menge auf dem Spiel. Jones muss sich folglich sofort beweisen.

Jones will Tür zur NFL "nicht schließen"

Er ist der älteste Spieler im Kader. Während seine Teamkollegen ihre Karriere erst richtig in Fahrt bringen wollen, hofft Jones auf eine späte Chance. Einen Anruf aus der NFL. "Ich könnte diese Tür nicht schließen", gibt er ehrlich zu und unterstreicht: "Ich bin wirklich für alles offen."

In Dallas - unweit seines Hauses im texanischen Fort Worth - arbeitet Jones auch mit dem Mann zusammen, der einen großen Anteil an seiner NFL-Vergangenheit hat: Head Coach Bob Stoops trainierte von 1999 bis 2016 die Oklahoma Sooners.

Drittmeiste Passing Yards in der NCAA-Geschichte

Für die OU spielte Jones fünf Jahre lang, ehe ihn die Steelers in der vierten Draft-Runde pickten. Mit 16.646 Passing Yards steht er noch heute auf Rang drei des NCAA-Ranking der erfolgreichsten College-Quarterbacks.

Hatte ihm in Oklahoma zunächst eine Verletzung von Starter Sam Bradford und dann dessen Aufstieg in die NFL den Weg zum Playmaker Nummer eins geebnet, blieb Jones in Pittsburgh immer im Schatten von "Big Ben". 19 mal kam er für die Steelers zum Einsatz, doch nur fünfmal hatte er von Beginn an das Kommando - natürlich jeweils begünstigt von Verletzungen des Superstars.

Jones läuft im Wild Card Game 2015 auf

"Eigentlich war es völlig unerheblich, was ich leistete, denn sie haben immer auf Ben gesetzt. Niemand übertrumpft diesen Kerl", fasst Jones die für ihn so deprimierende Zeit zusammen. Diese brachte ihm zwar auch ein paar Snaps im Wild Card Game der Saison 2015 bei Division-Rivale Cincinnati Bengals (18:16) ein.

Aber eben auch viele Spieltage abseits des Rampenlichts. "Ich hatte den ganzen Tag über Schmetterlinge im Bauch - und das völlig grundlos. Denn ich wusste ja, dass ich wahrscheinlich nicht aufs Feld geschickt werde", skizziert Jones bei "ESPN" nahezu jeden verdammen Sonntag in seinem NFL-Leben.

Gegnerische Bälle nach Spielen eingesteckt

Folglich sei er "immer frustriert" gewesen. Die kleinen Erfolgserlebnisse feierte er zumeist nach dem Spiel. Oft griff Jones einen der Bälle mit dem Logo des Gegners ab. Andenken statt Anerkennung also.

Doch auch dazu hatte er 2018 dann keine Gelegenheit mehr. Vor der Saison verpasste Jones den finalen Cut. Der frisch gedraftete Rudolph hatte ihm den Rang abgelaufen.

Jones nach Cowboys-Trainerlegende benannt

So stürzte Jones in die Ungewissheit. Free Agency. In der NFL hatte er sich aber längst einen Namen gemacht. So meldeten sich etwa die Dallas Cowboys auf der Suche nach einem Backup für Dak Prescott schon nach Week 1. Es wäre wohl der Traumjob für den nach Cowboys-Trainerlegende Tom Landry benannten Familienvater gewesen - allein aufgrund der Nähe zum eigenen Anwesen.

Doch diese Gelegenheit zerschlug sich. Stattdessen griffen die Jacksonville Jaguars nach der Verletzung von Blake Bortles Ende Oktober zu. Die Liaison hielt jedoch nur drei Wochen - dann stand Jones wieder auf der Straße.

Viele Workouts - aber kaum ein Team greift zu

Entsprechend stieg der Frustpegel. Im Laufe der nächsten Monate stellte er sich bei weiteren Teams vor. Am Ende kannte Jones mehr als die Hälfte der Trainingsgelände der NFL. Doch auch im Februar 2019 stand er mit leeren Händen da. Und ein Engagement in der Liga schien in weite Ferne gerückt.

Also ergriff Jones selbst die Initiative, um wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Es mutet schon beinahe wie eine Verzweiflungstat an, dass er den Chef einer Baufirma auf die Möglichkeit einer Anstellung ansprach, als das Unternehmen das Familienhaus renovierte.

Jones arbeitet fünf Wochen als Kipplaster-Fahrer

Für ein Mindestgehalt wurde Jones laut "ESPN" tatsächlich engagiert - weil kurz zuvor ein Kipplaster-Fahrer gekündigt hatte. Statt Bälle vor einem Millionenpublikum zentimetergenau beim Mitspieler anzubringen, bestand seine Aufgabe also darin, an Baustellen Schutt aufzuladen und diesen zur Deponie zu transportieren. Fünf Tage die Woche, acht Stunden täglich.

"Es war wichtig für ihn, selbst zu realisieren, dass er weit mehr ist als nur ein Sportler", zieht Ehefrau Whitney durchaus Positives aus diesen lehrreichen Wochen, die dem Paar auch die Augen geöffnet haben dürften. Zugleich zeigt dieses Kapitel, wie geerdet Jones geblieben ist.

Bitte um freien Tag für Workout bei den Raiders

Was er auch bei seinem Abschied von dem Unternehmen nach fünf Wochen noch einmal unterstrich. Die Oakland Raiders hatten angeklopft und Jones zum Workout eingeladen. Doch statt bei der Baufirma einfach hinzuschmeißen, fragte der Umworbene bei seinem Chef nach, ob er für den Tag freibekommen könne, wie "ESPN" berichtet.

Natürlich konnte er. Und so kam Jones bei den Raiders unter. Doch auch seine dritte NFL-Station brachte kein Glück. Zwei Monate später, mitten in der Saisonvorbereitung, wurde er vor die Tür gesetzt.

Millionengehalt in der Alliance of American Football abgelehnt

Ein erneuter Rückschlag. Eine weitere Enttäuschung. Doch Jones schien Blut geleckt zu haben. Ein Engagement in der Alliance of American Football bei den San Antonio Commanders lehnte er trotz eines Millionengehalts ab - weil ihm die Bezahlung nicht sicher schien. Tatsächlich überlebte die Liga nicht einmal ihre Premierensaison.

In der XFL muss sich Jones zwar mit einer sechsstelligen Summe begnügen. Doch diesmal sagt ihm sein Gefühl, dass es der richtige Schritt ist. "Ich freue mich einfach darauf, wieder Football zu spielen", frohlockte er in der Vorbereitung.

"Football quasi auf meinem Hinterhof"

Und auch mit dem Team hat es ihn gut getroffen: "Ich spiele Football quasi auf meinem Hinterhof. Es gibt Schlimmeres." 40 Kilometer trennen sein Haus und das Renegades-Gelände. Das hätten ihm nicht einmal die Steelers bieten können.

Entsprechend dürfte Jones seinen Frieden geschlossen haben mit der Absage an die NFL, die die XFL in seinem Namen aussprach. Deren strahlendster Stern er werden soll.

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