Christopher Ezeala verbrachte zwei Jahre bei den Baltimore Ravens - Bildquelle: instagram @chris_ezealaChristopher Ezeala verbrachte zwei Jahre bei den Baltimore Ravens © instagram @chris_ezeala

München - Zwei Spielzeiten schwitzte Chris Ezeala im Practice Squad der Baltimore Ravens, um sich den Traum, einmal in einem NFL-Spiel auf dem Platz zu stehen, zu erfüllen.

Das International Pathway Program hielt ihm einen zusätzlichen Platz frei.

Nun ist für ihn Schluss in den USA. Er kehrt nach Deutschland zurück, spielt in der European League of Football für die Ingolstadt Praetorians. Im Interview mit ran spricht Ezeala über seine Erfahrungen in der NFL, Mobbing, sein Verhältnis zu Lamar Jackson und das abrupte Ende bei den Ravens.

ran: Herr Ezeala, im Jahre 2018 begann Ihre Zeit bei den Baltimore Ravens in der NFL. Wurden Sie als Europäer sofort respektiert oder mussten Sie sich den Respekt hart erarbeiten?

Ezeala: Ich wurde sehr lange nicht respektiert. Das hatte verschiedene Gründe: Ich war Teil des International Pathway Program, ich bin Europäer und ich bin nicht den typischen Weg mit High-School- und College-Football gegangen. Außerdem sind die Baltimore Ravens eine besonders harte Organisation. Die gesamte AFC North ist eine verrückte Division. Dort muss man beweisen, Football spielen zu können. Das erste Jahr war sehr schwer für mich. Erst im zweiten Jahr wurde es besser. 

ran: Wie haben Sie den mangelnden Respekt von den Mitspielern zu spüren bekommen?

Ezeala: Es war wie in der Schule, wenn man die Person ist, die ständig gemobbt wird. Das sind Kleinigkeiten: Man wird blöd angemacht. Andere machen sich über einen lustig, man hört negative Dinge über sich. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um keinen Ausraster zu bekommen (lacht). Das war teilweise echt schwer. Aber man muss sich auf dem Feld beweisen. Ich kann gerne ein Beispiel bringen ...

ran: Sehr gerne ...

Ezeala: Wir hatten bei den Ravens einen Outside Linebacker namens Tim Williams. Der sagte zu mir: "Hey Chris, ich zerfetze dich." Das hat der ein Jahr lang immer wieder zu mir gesagt. Im zweiten Jahr im Trainingscamp sagte ich dann zu ihm: "Weißt du was? Jetzt ist die Zeit dafür." Letztendlich habe ich ihn auf den Arsch gesetzt. Das hat auch Head Coach John Harbaugh gesehen. Er sagte: "Talk is cheap". Von diesem Moment an erhielt ich mehr Respekt. Die Jungs haben gesehen, dass ich physisch spielen kann. Und wenn man gut trainiert, bekommt man auch mehr Vertrauen innerhalb des Teams. Plötzlich kommen die Mitspieler auf einen zu und sagen: "Hey Chris, hast Du Bock, mit uns abzuhängen?"

ran: Bekamen Sie den mangelnden Respekt hauptsächlich von Spielern zu spüren, die selbst um ihren Platz im Kader kämpfen mussten? Oder mobben auch die Superstars?

Ezeala: Nein. Superstars wie Lamar Jackson brauchen sich keine Sorgen zu machen. Das sind vor allem Spieler, die selbst Angst haben, die sich über die Special Teams ihren Kaderplatz erkämpfen müssen. Wenn man solche Spieler im Training dann besiegt, zum Beispiel ihrem Block ausweicht, sind sie sauer und schlagen dir zum Beispiel bei der nächsten Gelegenheit auf den Helm. Chuck Clark hat das zum Beispiel einmal gemacht. Ich habe erst spät verstanden, dass die NFL ein Business ist und jeder einfach nur versucht, zu überleben.

ran: Sie haben gerade Quarterback Lamar Jackson angesprochen. Wie haben Sie ihn als Mitspieler erlebt?

Ezeala: Lamar und ich waren gut befreundet. Er war einer der Ersten, der auf mich zukam und sagte: "Hey, nächstes Jahr machen wir zusammen das Team." Er sprach mir immer gut zu, war voll cool. Er ist sehr bodenständig und sehr smart. Aber es gab auch andere coole Leute. In meinem zweiten Jahr kam Mark Ingram hinzu. Mit ihm rede ich sehr viel, auch heute noch per Facetime. Er ist einer der witzigsten Menschen, den ich kennengelernt habe - ein total positiver Typ und harter Arbeiter. Leider hatte er keine allzu gute Saison.

ran: Zurück zu Ihren Erfahrungen: Hatten Sie einmal darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen?

Ezeala: Natürlich. Solche Gedanken gab es. Am Anfang hatten es die Ravens nicht hinbekommen, mich zum Rookie-Mini-Camp einzuladen. Also stieg ich erst bei den OTAs ein. Dort wurde ich einfach ins kalte Wasser geworfen. Man hat mich einfach auf das Spielfeld geschickt, obwohl ich die Spielzüge noch gar nicht kannte.

ran: Wieso kannten Sie die nicht?

Ezeala: Weil man das Playbook erst bekommt, wenn man bei dem Team vor Ort ist. Die schicken einem das nicht per Post oder per Mail zu. Dadurch bekam ich das Playbook später als jeder andere - und zwar erst am Vorabend, als ich sehr spät in Baltimore angekommen war. Als ich auf das Spielfeld geschickt wurde, hatte ich also überhaupt keine Ahnung, worum es ging. Ich war in einer Schockstarre und hatte einen völligen Blackout. Aber die Trainer machen das mit Absicht. Die wollen sehen, wie man damit umgeht. Und wissen Sie, warum die das machen? 

ran: Verraten Sie es uns?

Ezeala: Ich bin mir 100-prozentig sicher, dass sie wollten, dass ich aufgebe. Aber ich habe weitergemacht. Und wie gesagt: In meinem zweiten Jahr lief es besser, weil ich verstanden hatte, wie es läuft. Ich habe im Training teilweise auch Receiver und Tight End gespielt. Einmal kam Earl Thomas auf mich zu und sagte: "Hey, wenn ich dich decke, machst Du keine Touchdowns mehr." Das hätte er nicht gesagt, wenn ich nicht hätte Football spielen können. Oder ein anderes Beispiel: Einmal hat Ed Reed bei unserem Training zugesehen und sagte dann zu einem der Verantwortlichen: "Hey Mann, wer ist dieser Junge? Der ist echt krass."

ran: Dann stellt sich allerdings eine Frage.

Ezeala: Warum habe ich kein Spiel in der regulären Saison gemacht?

ran: Ganz genau ...

Ezeala: Ja, diese Frage höre ich immer. Die Antwort ist einfach: Das kommt von ganz oben, vom General Manager. Die Frage ist, inwiefern konnte ich dem Team überhaupt helfen. Ich bin ein sehr guter Special-Team-Spieler. Aber es gab in der Offense einfach keine Rolle für mich. Ich passte nicht in das System. Unser Fullback wog 300 Pfund und hat gegen die Defensive Line geblockt. Ich bin nicht so groß und wog vielleicht 245 Pfund. Das passte einfach nicht. Man braucht einfach ein Team, das voll hinter einem steht. Trotzdem bin ich niemand, der dieser Chance nachtrauert. Ich bin an dieser Erfahrung gewachsen.  

ran: Sie verbrachten zwei Jahre im Practice Squad. Das heißt: Sie haben mit der Mannschaft trainiert, standen am Spieltag aber nicht im aktiven Kader. Wie fühlt sich das Leben in der Trainingsgruppe an?

Ezeala: Es ist hart, verdammt hart. Jedes Training ist wie ein Spiel. Wenn du nicht funktionierst, bist du weg. Ich habe so viele Spieler kennengelernt, die von dem einen auf dem anderen Tag plötzlich weg waren, weil es einen Besseren gab. Du musst also die ganze Zeit fit sein und härter arbeiten als alle anderen. Ich bin jeden Tag um 5 Uhr aufgestanden und war um 6 Uhr im Gym, um richtig hart zu trainieren. 

ran: Ihre Zeit bei den Ravens endete, als sie zu Beginn des Jahres 2020 keinen weiteren Future Contract mehr angeboten bekamen. Wie überraschend kam das Ende für Sie?

Ezeala: Sehr überraschend. Ich hatte damit nicht gerechnet, weil ich zu den Coaches einen richtig guten Draht hatte. Die wollten sogar, dass ich meine Position ändere und wieder in der Defense spiele. Coach Harbaugh hatte selbst zu mir gesagt, dass er viel Potenzial in mir sieht. Wenn man das gesagt bekommt, gibt einem das natürlich Selbstvertrauen.

ran: Was denken Sie, warum es dann letztendlich anders kam?

Ezeala: Die Ravens haben 2019 eine überragende Saison gespielt, waren das beste Team der regulären Saison. Aber dann kam es zum Playoff-Spiel gegen die Tennessee Titans, das überraschend verloren ging. Und was macht ein NFL-Team dann? Rebuild. Heißt: Sämtliche Leute werden rausgeschmissen. Das habe ich nicht kommen gesehen. Die Ravens waren auch nicht ehrlich zu mir, haben viel um den heißen Brei geredet und keine echte Begründung genannt. Das war das Ende.

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie die Gründe für einen Wechsel in die European League of Football, die harte Zeit nach dem Aus in Baltimore und seinen immer noch vorhandenen Traum NFL >>

Das Interview führte Oliver Jensen

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