Philippe Coutinho ist bis zum Saisonende vom FC Barcelona ausgeliehen, danac... - Bildquelle: 2019 Getty ImagesPhilippe Coutinho ist bis zum Saisonende vom FC Barcelona ausgeliehen, danach kann Bayern die Kaufoption ziehen. © 2019 Getty Images

München - Es regnete in Strömen nach dem ersten Training von Philippe Coutinho mit dem FC Bayern. Doch der "kleine Magier" strahlte. Er schrieb fleißig Autogramme, posierte geduldig für Selfies.

Für so viel Fannähe gab es spontan Szenenapplaus von den rund 1500 Besuchern an der Säbener Straße. Sie haben ihren neuen Superstar längst ins Herz geschlossen. Es ist Balsam für Coutinhos geschundene Seele.

 

Denn beim FC Barcelona durchlebte er in den vergangenen anderthalb Jahren einen Albtraum - sportlich wie menschlich. In manchen Spielen quittierten die eigenen Fans jede Ballberührung mit gellenden Pfiffen. So sehr, dass selbst Lionel Messi irgendwann ein Machtwort sprach. Coutinho wurde zum Schatten seiner selbst, fand sich immer häufiger auf der Ersatzbank wieder. Die Fußballwelt wurde Zeuge von der Demontage eines Topstars.

Coutinho und der FC Barcelona - ein großes Missverständnis

Dabei war der Brasilianer im Januar 2018 mit großen Vorschusslorbeeren als designierter Neymar-Nachfolger vom FC Liverpool nach Barcelona gekommen. Für die zweithöchste Ablösesumme der Fußballgeschichte von 145 Millionen Euro. Die Bürde des Preisschilds und die damit verbundene Erwartungshaltung verwandelten den "kleinen Magier" zurück in einen Zauberlehrling.

Auch wenn er es in 75 Pflichtspielen für Barca immerhin noch auf 21 Tore brachte, brandmarkten ihn spanische Medien eiskalt als Flop. Vergleiche mit Messi und Ronaldinho, die sein früherer Trainer bei Espanyol und heutiger Tottenham-Coach Mauricio Pochettino einst gezogen hatte - vergessen.

Ebenso wie seine Dribblings auf engstem Raum, seine Schnelligkeit, seine Spielübersicht, seine Torgefahr und seine genialen Momente. Erst nach Saisonende, im Nationaltrikot der Selecao bei der Copa America, ließ Coutinho seine überragenden Fähigkeiten wieder aufblitzen. Beim Triumph Brasiliens war er einer der tragenden Säulen. 

Coutinho-Deal als Therapie für Spieler und Verein

Beim FC Bayern drückt Coutinho jetzt auch auf Vereinsebene den Resetknopf, um seine ins Stocken geratene Karriere wieder anzukurbeln. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Vielleicht sogar eine gegenseitige Therapie. Denn auch der FC Bayern war nach unglücklichen Aktionen auf dem Transfermarkt und der schweren Verletzung von Wunschspieler Leroy Sane auf dem besten Weg in die Depression. 

Ein Notnagel ist der FC Bayern für Coutinho trotzdem nicht. Im Gegenteil. Barcelona hätte den 27-Jährigen lieber im Tausch für Neymar an PSG abgegeben. Coutinho selbst blockte ab.

Zum FC Bayern aber sagte er "Ja". Wohl auch, weil FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic bei den Verhandlungen in Barcelona ein mit der Nummer 10 beflocktes Trikot im Gepäck hatten. Wertschätzung pur für einen sensiblen Ballkünstler zum absolut richtigen Zeitpunkt. 

"Der ganze Klub hatte großes Interesse an mir. Sie haben mir ihr Projekt gezeigt und mir ihr Vertrauen geschenkt. Ich hatte keine Zweifel", so Coutinho bei seiner Vorstellung und sprach schon davon, über die Saison hinaus in München bleiben zu wollen.

"Mia san Mia" ist wieder sexy

Wie wichtig ihm das Zwischenmenschliche wirklich ist, lässt auch eine Äußerung von Jürgen Klopp vermuten. "Er ist ein Weltklasse-Spieler, der im richtigen Umfeld seine Leistung bringt. Wir haben ihn damals super ungern abgegeben", kommentierte der Trainer des FC Liverpool den Wechsel seines einstigen Schützlings beim "Sportbild-Award" und fügte hinzu: "Wir konnten ihn ja nicht zurückholen, weil wir das Geld schon ausgegeben hatten."

Coutinho hofft, beim Rekordmeister das zu finden, was er einst in Liverpool aufgegeben hatte: eine familiäre Atmosphäre, Zusammengehörigkeitsgefühl und gegenseitige Wertschätzung.

Eigentlich das, wofür der FC Bayern mit seinem viel zitierten "Mia san Mia" stehen will. Und deshalb erfüllt Coutinho auch bei strömendem Regen die zahlreichen Autogramm- und Selfie-Wünsche der Fans - mit einem Lächeln.

Carolin Blüchel

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