Seit vier Wochen nicht mehr im Kader vom KFC Uerdingen: Kevin Großkreutz ste... - Bildquelle: Getty ImagesSeit vier Wochen nicht mehr im Kader vom KFC Uerdingen: Kevin Großkreutz steht vor einer ungewissen Zukunft © Getty Images

München/Krefeld - Die Saison hatte noch gar nicht begonnen, da hätte Kevin Großkreutz die ganze Welt umarmen können. Und ganz besonders Nia Künzer. Denn die ehemalige Nationalspielerin machte ihrem Namen als Losfee alle Ehre, als sie in der ersten Pokalrunde die Teams vom KFC Uerdingen und von Borussia Dortmund zusammenführte.

Also den Klub, für den Großkreutz seit 2018 in der 3. Liga die Schuhe schnürt. Und seinen Herzensverein, dem er unzählige Male von der Südtribüne aus die Daumen drückte und mit dem er 2011 und 2012 zwei Meisterschaften und einmal den Pokal gewann.

 

Großkreutz postet emotionale Sätze vor Pokalduell mit BVB

Der gebürtige Dortmunder in KFC-Diensten konnte sein Glück kaum fassen. "Ich spiele nicht nur gegen Freunde, sondern gegen meine Familie", schrieb er seine Vorfreude via Instagram in die weite Welt hinaus: "Ich werde dieses Spiel von der ersten bis zur letzten Sekunde genießen." Seinen emotionalen Post beendete der Liebling der BVB-Fans mit den Worten: "Es ist einfach nur geil."

Acht Monate später hat sich die Fußballwelt für Großkreutz eher in einen Albtraum verwandelt. Wieder einmal. Bei den mit zahlreichen namhaften Profis bestückten - aber dennoch eher in Richtung unteres Tabellenende orientierten - Uerdingern spielt der vermeintlich größte Star der Liga überhaupt keine Rolle mehr. Seit vier Spieltagen wurde er nicht einmal mehr in den Kader berufen.

Eine vielversprechende Karriere steckt in der Sackgasse.

Sonderbehandlung im Training?

Wie "Reviersport" berichtet, wird der 31-Jährige ebenso wie seine Leidensgenossen Selim Gündüz und Nerciwan Khalil Mohammad im Training teilweise "gesondert behandelt". Was das bedeutet? Das Trio müsse während der Teameinheiten hinter dem Tor individuell arbeiten. Oder die Torhüter warmschießen. Oder einfach zuschauen, wie die Kollegen an Form oder taktischer Marschroute feilen.

Es ist ein weiterer Tiefpunkt in der Karriere des einsatzfreudigen Allrounders, für den der Titel als Weltmeister von 2014 längst mehr Fluch als Segen ist. Denn seit dem Triumph von Brasilien wird jeder Fehltritt von Großkreutz, jeder noch so kleine Rückschlag, enorm aufgebauscht.

Großkreutz in seiner Karriere zu sehr Fan

Was sich der zweifache Familienvater teilweise aber auch selbst zuzuschreiben hat. In seiner Profikarriere - nicht nur während seiner rauschhaften BVB-Jahre - blieb Großkreutz stets zu sehr Fan. Es wirkt, als würde er die Fettnäpfchen geradezu suchen - der Dönerwurf von Köln und besonders die nächtliche Sause mit VfB-Nachwuchsspielern in Stuttgart samt Prügelei sind da nur die krassesten Beispiele.

Bei Otto-Normal-Profis würden solche Eskapaden wohl nicht derart in den Köpfen bleiben. Bei einem Weltmeister, der obendrein schon immer - und auch mit Nachdruck - polarisierte, werden diese eben schon beinahe zu Staatsaffären erhoben.

Formaler Fehler kostet Einsätze für Galatasaray

Seit seinem erzwungenen Abschied aus Dortmund ein Jahr nach dem WM-Titel befindet sich Großkreutz aber nicht nur deshalb in einer stetigen Abwärtsspirale. Bei Galatasaray Istanbul fasste der Familienmensch nie Fuß - auch weil der türkische Rekordmeister seinen Zugang 48 Sekunden zu spät meldete und dieser folglich im ersten halben Jahr nicht eingesetzt werden durfte.

Als dieser Bann beendet war, hatte Großkreutz längst das Weite gesucht. Das Heimweh trieb ihn zurück nach Deutschland. Zum VfB Stuttgart. Wo er sich mit seinem unermüdlichen Einsatz schnell ein Standing bei den Fans erarbeitete.

Großkreutz konterkariert seine Vorbildfunktion

Die bereits erwähnte Partytour endete mit einem blauen Auge. Mit selbigem kam er bei den Klub-Verantwortlichen jedoch nicht herum - weil Großkreutz einmal mehr seiner Vorbildfunktion als Profi nicht gerecht wurde. Diese sogar konterkarierte, war er doch in der verhängnisvollen Nacht mit mehreren Jugendspielern unterwegs.

Das womöglich Schlimmste aber: Großkreutz schien aus seinen Fehlern nicht zu lernen. Selbstreflexion? Fehlanzeige! Nach dem Aus in Stuttgart wollte er einen Schlussstrich ziehen. Die Profikarriere mit sofortiger Wirkung beenden. So erklärte es Großkreutz mit tränenerstickter Stimme auf der Pressekonferenz der Schwaben.

Rücktritt vom Rücktritt aus Liebe zum Fußball

Doch allzu lange hielt dieser Vorsatz nicht. Weniger als vier Monate später stellte der gerade in die 2. Liga abgestiegene SV Darmstadt den prominenten Zugang vor. In der "Sky"-Sendung "Wontorra" erklärte Großkreutz seine Beweggründe für den Rücktritt vom Rücktritt: "Ich liebe den Fußball zu sehr. Deswegen musste ich einfach weitermachen."

Er scheint quasi gefangen zu sein in der Rolle des enorm emotionalen Kickers, der die Herzen der eigenen Fans im Sturm erobert, während sich die Supporter der Konkurrenz geradezu an ihm abarbeiten. Großkreutz muss in gegnerischen Lagern nicht selten als Hassobjekt herhalten.

KFC Uerdingen träumt von (viel zu) Großem

Auf das Jahr in Darmstadt folgte eben 2018 Uerdingen. Wo der millionenschwere Investor Mikhail Ponomarev von Europcup-Auftritten, mindestens aber dem Bundesliga-Aufstieg träumt. Wo das Team jedoch schon genug Mühe hat, sich die Abstiegsränge der 3. Liga vom Leib zu halten.

Und in dieser Gemengelage fand Großkreutz nie so wirklich seinen Platz. Zu Beginn dieser Saison war er zwar noch als Rechtsverteidiger gesetzt. Doch schon vor dem Highlight gegen den BVB fiel ein erster Schatten auf das vermeintliche Aushängeschild. Wegen einer Tätlichkeit beim 2:2 bei Sonnenhof Großaspach sperrte ihn das DFB-Sportgericht für vier Spiele. Gegen Dortmund durfte er immerhin noch antreten und beim 0:2 ein bisschen Heimatluft schnuppern.

Seit November nur drei Einsätze samt Platzverweis

Doch seit ihn Hüftprobleme im Herbst für mehr als einen Monat außer Gefecht setzten, rutschte Großkreutz in der Hierarchie rapide bergab. Drei Einsätze seit November inklusive eines Platzverweises bilden seine jüngsten Arbeitsnachweise. Zwei weitere Male schaffte er es noch in den Kader. Reichlich dürftig.

Als Rechtsverteidiger wird ihm der von Werder Bremens Regionalligateam ausgeliehene Boubacar Barry - ein etatmäßiger Flügelspieler - vorgezogen. Die rechte Außenbahn beackert der erst 20-jährige Christian Kinsombi, Bruder von HSV-Profi David Kinsombi.

KFC-Trainer will nicht über Großkreutz sprechen

Großkreutz, dessen Darbietungen vor der Degradierung nicht annähernd an frühere Leistungen heranreichten, ist dagegen im Jahr 2020 offenbar nicht viel mehr als eine Randnotiz. "Wir müssen über die Spieler sprechen, die im Kader waren", wich Trainer Daniel Steuernagel einer entsprechenden Nachfrage von "Reviersport" beim jüngsten 0:2 gegen Abstiegskandidat Preußen Münster aus.

Immerhin ist Großkreutz, der in anderthalb Jahren beim KFC schon sechs verschiedene Trainer erlebte, in guter Gesellschaft. Auch für Dominic Maroh, 133-maliger Bundesligaspieler, war zuletzt kein Platz im Kader.

Abschied aus Uerdingen im Sommer soll sicher sein

"Als Profi muss ich arbeiten, wenn schon nicht für den Trainer, so doch für mich selbst", schrieb Teamchef Stefan Reisinger dem quasi Aussortierten via "RP Online" ins Stammbuch. Doch ob es allein an der Einstellung liegt? "Reviersport" zufolge scheinen zumindest bei Großkreutz die Gründe "nicht nur sportlicher Natur" zu sein.

Eine Trennung im Sommer gelte trotz eines noch bis 2021 laufenden Vertrags als sicher.

Die ganzen Spekulationen will der mittlerweile sehr medienscheue Profi nicht auf sich sitzen lassen. Via Instagram meldete er sich zu Wort und wandte sich an "die Menschen, die irgendetwas in Foren oder Zeitungen schreiben": "Ich, Kevin Großkreutz, bin gut mit unserem Präsidenten, werde immer da sein, bin ehrlich, habe Vertrag bis 2021 und da könnt ihr erzählen, was ihr wollt."

Besuch bei Ex-Klubs sorgen für gute Laune

Es wirkt eher wie ein etwas unbeholfener Versuch, dem Thema den Wind aus den Segeln zu nehmen. Gute Laune versprüht Großkreutz dagegen nur noch bei Reisen in die Vergangenheit. Wie mit einem Post vom Besuch des BVB-Spiels gegen Eintracht Frankfurt am Valentinstag. Oder einem Foto vom Wiedersehen mit dem VfB-Funktionsteam beim Stuttgarter Gastspiel in Bochum drei Tage darauf.

Womöglich bleiben dem Profi mit dem großen Kämpferherzen schon sehr bald nur noch Erinnerungen an eine Karriere, die von diversen Rückschlägen, aber eben in frühen Jahren auch vielen Hochs und vor allem besonderen Momenten geprägt war.

Es könnte sogar ein Abschied durch die Hintertür werden.

Marcus Giebel

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