Auf der Jagd nach dem Spitzentrio der 3. Liga: Sascha Mölders (r.) und der T... - Bildquelle: imagoAuf der Jagd nach dem Spitzentrio der 3. Liga: Sascha Mölders (r.) und der TSV 1860 München bejubelten in dieser Saison schon 57 Tore © imago

München - Nein, markerschütterndes Löwengebrüll war am Sonntagnachmittag in München auch mit gespitzten Ohren nicht zu vernehmen. Dabei sollte spätestens jetzt der Jagdtrieb wieder geweckt sein - bei Fans und Verantwortlichen vom TSV 1860 München, in Fußballdeutschland besser als Löwen bekannt.

Mit Dynamo Dresden patzte am 31. Spieltag der 3. Liga auch das dritte Topteam. 0:2 bei Schlusslicht SpVgg Unterhaching. Ausgerechnet Haching, könnte man meinen. Zum Klub aus Münchens Süden pflegen die Sechziger eine alles andere als nette Nachbarschaft. Aber dieser Dreier dürfte auch in Giesing gut angekommen sein.

Binnen zwei Spieltagen Rückstand mehr als halbiert

Die Münchner selbst hatten sich tags zuvor in einem offenen Schlagabtausch gegen den SC Verl mit 3:2 durchgesetzt. Weil Hansa Rostock gegen den 1. FC Magdeburg mit 0:2 unterlag und der FC Ingolstadt - auch hier wäre ein ausgerechnet fällig - gegen Bayern München II nur 2:2 spielte, sind die Aufstiegsränge plötzlich wieder in Reichweite.

Vor der Länderspielpause lagen noch neun Zähler zwischen den Löwen und dem Relegationsplatz. Zwei Spieltage später sind es nur noch vier. Der Drittliga-Thron ist auch nur noch fünf Punkte entfernt.

Für Sportchef ist "Bundesliga nur Frage der Zeit"

Also warum nicht wieder träumen? Auch gern laut. Zumal weder Anhang noch Angestellte der Löwen im Verdacht stehen, nur kleine Brötchen zu backen, wenn es doch auch eine Torte samt Kirsche obendrauf werden kann.

So frohlockte Sportchef Günther Gorenzel im Oktober im Interview mit der "Abendzeitung": "Wir werden mit Akribie, Leidenschaft und Vernunft unseren Weg weitergehen. Da ist die Bundesliga zwangsläufig nur eine Frage der Zeit, da bin ich mir sicher."

 

Auf Bundesliga-Ansage folgte längste Durststrecke

Das B-Wort wird an der Grünwalder Straße freier heraus in den Mund genommen als bei der Mehrzahl der Zweitligisten. Was einerseits mutig ist und deshalb in Zeiten der allgemeinen Tiefstapelei durchaus Respekt verdient. Aber eben auch lähmen kann.

Zum Zeitpunkt der Aussage standen die Münchner auf einem Aufstiegsplatz. Es folgten kurz darauf jedoch fünf Spiele ohne Sieg – die längste Durststrecke der Saison. Eine weitere Schwächephase im Februar mit nur einem Dreier aus fünf Partien schien die Zweitligaträume zeitig platzen zu lassen.

Köllner übernahm Amt von Klubikone Bierofka

Doch wieder schüttelten sich die Löwen und sind nun wieder in Schlagdistanz zu den einst enteilten Top-Teams. Auch weil erstmals in dieser Saison drei Siege am Stück gelangen.

Das Erfolgsgeheimnis? Michael Köllner verweist auf die Geschlossenheit, das sei "unser Pfund". Der Trainer, für den die Löwen nach dem 1. FC Nürnberg erst die zweite Station im Profibereich darstellen, übernahm das Amt im November 2019 von Daniel Bierofka. Nachdem die Klubikone und Identifikationsfigur der Fans wegen ständiger Querelen zwischen Verein und Investor Hasan Ismaik hingeschmissen hatte.

Auch 2019/2020 war Aufstieg bereits möglich

Damals schien der Trainersessel in Giesing kein lohnendes Ziel zu sein. Köllner aber machte das einzig Richtige: sich nicht von den Eitelkeiten in den Chefetagen vereinnahmen lassen. Es ist sein großer Vorteil, dass er als Externer zum Klub stieß und sich folglich zumindest öffentlich gar nicht erst mit diesen Machtspielen beschäftigte. Sein ganzer Fokus liegt auf dem Sportlichen.

Dennoch hätten wohl nicht einmal kühnste Giesinger Optimisten die seither geschriebene Erfolgsgeschichte für möglich gehalten. Köllner führte das Löwenrudel weg von der Abstiegszone und bis auf einen respektablen achten Platz. Am letzten Spieltag wäre bei entsprechender Schützenhilfe sogar der Sprung in die Relegation möglich gewesen. Doch die sicherte sich der FC Ingolstadt durch ein 2:0 im Grünwalder Stadion.

Im letzten Spiel wartet wieder Ingolstadt

Die Enttäuschung - falls sie angesichts des Saisonverlaufs überhaupt aufkam - war jedoch schnell weggesteckt. Die Wunden wurden geleckt und nun könnten die Löwen zum Ausklang dieser Saison den Spieß umdrehen. Denn am 38. Spieltag steht das Gastspiel in der Audi-Stadt an.

"Wenn die Situation da ist, dass wir am letzten Spieltag nach Ingolstadt fahren und ein Endspiel haben, ist auch klar: Dann wollen wir in die 2. Liga", schickte Sascha Mölders im "BR24"-Talk schon eine Kampfansage an den oberbayerischen Kontrahenten.

Mölders führt die beste Offensive der Liga an

Der Kapitän und Routinier hat den größten Torhunger der Liga, ist von den Abwehrreihen der Gegner kaum zu bändigen. 20 Tore hat der Ex-Bundesligaprofi schon auf dem Konto – damit ragt er auch in der gemeinsam mit Verl besten Offensive der Liga (57 Tore) heraus. In jenem Interview verriet er auch, dass es bei ihm in Sachen Ernährung nicht immer professionell zugehen muss.

Stichwort: Dirty Gameday. Nach Spielen gönne Mölders sich durchaus "am Abend eine Pizza oder was Dreckiges". Zum Runterspülen werden dann auch mal "ein oder zwei Bier" verhaftet.

Sechs Brötchen als Belohnung für das Siegtor

Dank einer Instagram-Story von Ehefrau Ivonne weiß die Öffentlichkeit auch, dass sich der Linksfuß für seinen Siegtreffer beim 1:0 über - da ist er wieder - den FC Ingolstadt im Januar mit gleich sechs belegten Brötchen belohnte. Keine besondere Leistung, wie Mölders in der "BR"-Sendung "Blickpunkt Sport" weismachen wollte: "Das sind ja keine Brötchen, sondern nur die kleinen Baguette-Dinger da. Davon schafft ja jeder sechs Stück."

Eh wurscht, wenn denn die Leistung stimmt. Was bei Mölders der Fall ist. Der 36-Jährige gilt als Vorbild in Sachen Einsatzfreude, steckt nie auf. Es wird sich kein Verteidiger finden, der gerne gegen ihn spielt.

Mölders verschiebt Karriereende und steht auch für 2021/2022 im Wort

Dabei kokettierte Mölders in der vergangenen Saison noch mit seinem Karriereende im Sommer 2020. Das Drumherum sei ihm einfach zu viel geworden. Mittlerweile hat sich der gebürtige Essener auch für kommende Spielzeit an den Klub gebunden.

Die Löwen sind für ihn längst zu einer wahren Herzensangelegenheit geworden. Und da ist der Mannschaft nicht allein. Denn aufgrund finanzieller Engpässe rückten seit dem Abrutschen in die Viertklassigkeit vor vier Jahren viele Talente aus dem Nachwuchsbereich nach.

"Eine Einheit, wie ich das selten erlebt habe"

So stehen im aktuellen Kader rund eine Handvoll Spieler, die schon in der Kindheit und Jugend mit dem Verein gefiebert haben. Keeper Marco Hiller, Daniel Wein, der vor der Saison aus den Niederlanden zurückgekehrte Richy Neudecker, Dennis Dressel, der Ex-Ingolstädter Stefan Lex oder Phillipp Steinhart.

Letzterer betonte in der "tz" den besonderen Mannschaftsgeist: "Wir sind eine Einheit, wie ich das selten erlebt habe. Und deshalb können wir auch mit Rückschlägen umgehen wie jetzt in der Rückrunde gegen Zwickau, Saarbrücken oder Duisburg."

 

Zwei namhafte Zugänge im Winter für den Aufstiegstraum

Immerhin war das Team vor der Saison als Abstiegskandidat gehandelt worden. Weil mehrere wichtige Spieler nicht gehalten werden konnten. Namhaftester Zugang war neben Neudecker der bei Arminia Bielefeld nicht mehr gefragte Stephan Salger, der seinen Anteil daran hat, dass die Münchner die zweitbeste Defensive der Liga stellen.

Als sich im Winter abzeichnete, dass der Aufstieg keine Utopie sein muss, wurde mit den zweitligaerfahrenen Merveille Biankadi und Keanu Staude nachgelegt. Echte Verstärkungen für Köllner, der von Mölders für "seine ruhige Art" gelobt wird.

 Löwen wittern die Schwächen der Top-Teams

Steinhart sieht den Coach ebenfalls als wichtigen Baustein: "Wir haben uns als Mannschaft bei ihm in allen Bereichen weiterentwickelt, ich speziell in Sachen Taktik und Spielverständnis. Und menschlich liegen wir auf einer Wellenlänge." Nach vielen Jahren der Tristesse, im Tabellenkeller der 2. Liga oder sogar auf Tingeltour durch die bayerischen Dörfer in der Regionalliga, haben die Löwen also wieder Blut geleckt.

Die Konkurrenz schwächelt und wirkt angeknockt. Das wittert eine Raubkatze natürlich. Gerade, wenn sie in ihrer Lieblingsdisziplin gefragt ist. Noch einmal Steinhart: "Die Rolle des Verfolgers liegt uns. Als wir zwischendurch die Gejagten waren, da haben wir nicht so gut damit umgehen können und waren einfach nicht konstant genug, um vorn zu bleiben. Jetzt haben wir eine neue Situation."

Er hätte auch noch hinzufügen können: Die Jagd ist eröffnet.

Marcus Giebel

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