Der kommende Bundestrainer Hansi Flick (links) und Roberto Mancini - Bildquelle: getty/ran.deDer kommende Bundestrainer Hansi Flick (links) und Roberto Mancini © getty/ran.de

München - Der 13. November 2017 ging als einer der schwärzesten Tage überhaupt in die italienische Fußball-Geschichte ein. Die Akteure im blauen Trikot verharrten in Schockstarre auf dem Platz, bei manch einem flossen die Tränen. Nach einem 0:0 im Playoff-Rückspiel gegen Schweden verpasste der viermalige Weltmeister die Qualifikation für die WM 2018. Die Schweden hatten das Hinspiel mit 1:0 gewonnen.

Eine stolze Fußball-Nation war komplett am Boden, die gute EM 2016, bei der man im Viertelfinale denkbar knapp an Deutschland gescheitert war, erwies sich als Strohfeuer. Die Italiener waren nicht mehr stolz auf ihre "Squadra Azzurra", die Leidenschaft war verschwunden. Umso erstaunlicher, dass die Süderopäer sich keine vier Jahre später zum Europameister krönen. Eine bemerkenswerte Renaissance unter der Führung von Trainer Roberto Mancini.

Hansi Flick und der Wiederaufbau beim DFB

Auch der deutschen Nationalmannschaft steht ein Neuanfang bevor und es gibt durchaus Parallelen zum neuen Europameister. Zwar ist die DFB-Elf nicht an einem so krassen Tiefpunkt angelangt wie die Italiener, die vergangenen Jahre waren sportlich aber schon dürftig. "Die Mannschaft" enttäuschte öfter als dass sie für Furore beim Anhang sorgte. Die Fans haben sich in letzter Zeit immer mehr von ihrer Nationalelf entfernt, die Spielweise wirkt statisch und emotionslos.

Was kann sich der kommende Bundestrainer Hansi Flick also von Mancinis Wiederaufbau abschauen? Er muss aus einem Haufen hochveranlagter Individualisten eine verschworene Einheit formen. "Mancinis Erfolg kann man in zwei Worten zusammenfassen: Unbeschwertheit und Spaß. Im Gegensatz zu den vorherigen Nationaltrainern, wie Antonio Conte, die auf Opferbereitschaft, Leiden, Kampf oder Widerstand gesetzt hatten, auf ein Italien, das mit allem verteidigt, was es hat, hat Mancini von Anfang an zu seinen Spielern gesagt, dass sie Spaß haben und unbeschwert in die Spiele gehen sollen", erklärte der italienische Sportjournalist Stefano Cantalupi bei "Sport1".

EM 2021: Italien feiert verletzten Spinazzola

Die Szene, in der seine Teamkollegen den schwer verletzten Leonardo Spinazzola nach dem Viertelfinale im Flugzeug feiern, steht exemplarisch für den Teamgeist der Italiener. Mancini fördert diesen aktiv, durch gemeinsame Team-Aktivitäten oder auch die Tatsache, dass er 25 von 26 Spielern Einsatzzeit bei der EM gewährte. "Das ist die mannschaftlichste Mannschaft aller Zeiten", sagte Leonardo Bonucci.

Zwar experimentierte auch Mancini im Vorfeld der EM mit vielen verschiedenen Spielern, seine taktische Linie zog er aber stringent durch. Statt wie Deutschland mit einer Vierer- sowie einer Dreierkette herumzuprobieren, setzte Mancini konsequent auf ein offensives 4-3-3-System. In diesem spielen die besten Akteure - unabhängig vom Alter. Die Achse der Italiener ist eingespielt, Laufwege und Automatismen sind besser verinnerlicht - ein Schlüssel zum EM-Erfolg.

Statt nach dem Desaster 2017 einen Umbruch erzwingen zu wollen, setzte Mancini weiter auf erfahrene Kräfte wie Giorgio Chiellini und Bonucci. Joachim Löw fuhr in seinen letzten Jahren als Bundestrainer einen personellen Zick-Zack-Kurs: Bootete erst erfahrene Führungsspieler aus, nur um dann Thomas Müller und Mats Hummels kurz vor Turnierstart zu reaktivieren. Die fehlende Eingespieltheit war nicht zu übersehen.

Italien setzt auf Offensive - Deutschland auf Sicherheit

Während Löw zuletzt zu immer mehr Sicherheit und Defensive tendierte, predigte Mancini genau das Gegenteil. Er wollte, dass die traditionell defensiv geprägte italienische Mannschaft mehr Mut nach vorne zeigt. Nur auf Sicherheit spielen und nach einem Konter das entscheidende Tor erzielen? Das reicht heute nicht mehr. Eine offensivere Ausrichtung sollte den meisten DFB-Stars entgegenkommen, spielt ein Großteil doch bei europäischen Topvereinen.

Mit einem kreativen und attraktiven Spielstil sind die Chancen auch deutlich höher, die eigenen Fans wieder für sich zu gewinnen und eine Euphorie im Land wie in den Anfangsjahren unter Löw auszulösen. Mit Hinblick auf die Heim-EM 2024 ist das ein wichtiger Punkt auf der Agenda des DFB. 

Auch wenn die deutsche Nationalmannschaft zuletzt enttäuscht hat: Italien hat gezeigt, wie schnell ein Wiederaufbau gelingen kann, wenn alle an einem Strang ziehen und an den richtigen Stellschrauben drehen. Hansi Flick hat eine Blaupase, wie es funktionieren kann.

Julian Huter  

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