Entsetzen bei Toto Wolff in Baku - Bildquelle: ImagoEntsetzen bei Toto Wolff in Baku © Imago

München/Le Castellet - Die Formel 1 ist seit einigen Jahren eine einzige Mercedes-Show. Seit 2014 fuhr jeder Weltmeister der Motorsport-Königsklasse einen Mercedes, ebenso ging jeder Konstrukteurs-Weltmeistertitel zum deutschen Hersteller.

Der Mercedes fuhr jahrelang wie auf Schienen, die Boxen-Crew machte keine Fehler und jede Strategie schien aufzugehen. In dieser Saison jedoch scheint es anders auszusehen - und das hat vielerlei Gründe.

"Gift" zwischen Mercedes und Red Bull

Bereits vor Saisonstart gab es viele Dissonanzen zwischen den Top-Teams Mercedes und Red Bull. Mercedes-Boss Toto Wolff kürte das österreichische Team zum Favoriten auf die WM. Max Verstappen antwortete süffisant darauf: "Wenn man sich vorher klein redet, dann kann man die tolle Leistung Weltmeister geworden zu sein als größeren Erfolg verkaufen."

Die Stimmung zwischen den beiden stärksten Teams ist, gelinde gesagt, angespannt. Bereits kurz nach Saisonstart prangerte Red Bull-Teamchef Christian Horner die beweglichen Frontflügel der Mercedes, die sogenannten "Flex Wings", an.

Anstatt vor dem FIA-Sportgericht, trugen die Funktionäre ihre Fehde über die Medien aus. Als Mercedes sich auf die, aus ihrer Sicht illegalen, Heckflügel der Red Bull stürzte, die ebenso elastisch sind, kochte der Streit über. "Wäre ich Toto, dann würde ich die Klappe halten", so Horner im Rahmen des Aserbaidschan-Grand-Prix bei "Sky".

Nur einen Tag später konterte Wolff: "Christian ist ein Schwätzer, der sich gerne vor der Kamera sieht" und forderte Zurückhaltung aus dem RB-Lager: "Es ist einfach, schlagfertig zu sein, wenn man oben in der Zeitenliste steht, aber man sollte etwas bescheidener sein," so Wolff bei "Sky UK".

Bottas vor dem Aus? "Spekulationen, die nicht auf Fakten basieren"

Doch auch intern brodelt es unter dem Mercedes-Stern. Fahrer Valtteri Bottas fuhr in der Hälfte der bisherigen der Rennen keine Punkte ein, bestes Saisonergebnis ist ein dritter Platz. Zu wenig mit der Leistungsstärke des Mercedes.

Zwangsläufig kamen Gerüchte um seinen Ersatz auf. George Russell, der bereits in der vergangenen Saison in Vertretung von Lewis Hamilton den Mercedes steuerte, soll bereits ab Mitte der Saison übernehmen. "Das sind Spekulationen, die nicht auf Fakten basieren", kommentierte der Finne die Gerüchte auf der offiziellen Fahrer-Pressekonferenz der FIA.

Stattdessen rief Bottas zur Zusammenarbeit und zur Aufarbeitung der Geschehnisse auf: "Man muss verstehen, was wir als Team hätten besser machen können. Wir haben die Reifen nicht in ihr optimales Fenster gebracht, die Roten Flaggen beim Qualifying (in Baku und Monaco, Anm. d. Red.), da kam dann alles zusammen."

Dennoch wird es laut Mercedes im Rahmen des Silverstone Grand Prix am 18. Juli eine Stellungnahme zum Thema George Russel/Valtteri Bottas geben. Sicher gäbe es eine solche groß angekündigte Stellungnahme nicht, wenn an den Gerüchten nichts dran wäre.

Fehlerteufel auch bei Hamilton und der Boxen-Crew

Auch bei Lewis Hamilton, dem Star des Teams und der Rennserie, sieht es nur unwesentlich besser aus. Zwar liegt der Brite nur vier Punkte hinter Spitzenreiter Verstappen in der WM-Wertung, jedoch machte auch er im letzten Rennen null Punkte.

Beim Restart nach der zweiten Roten Flagge rauchten Hamiltons Bremsen bedenklich, in Kurve eins fuhr der siebenfache Weltmeister geradeaus. Laut eigener Aussage hat Hamilton versehentlich den Knopf zur Verschiebung der Bremsbalance betätigt und so verstellt, dass er die Kurve nicht nehmen konnte.

Die Techniker nahmen das Malheur sofort auf ihre Kappe: "Wir müssen die Fahrer in eine Position bringen, dass Fehler möglichst ungestraft bleiben. Das haben wir nicht geschafft", hieß es aus dem Lager der Weltmeister.

Auch die Boxen-Crew macht also auf einmal Fehler: Der erste Pitstop von Hamilton dauerte mit über vier Sekunden sehr lang, sodass Hamilton hinter Sergio Perez zurückfiel und Max Verstappen nicht angreifen konnte. Perez sollte am Ende vor Sebastian Vettel das Rennen gewinnen. Bei Mercedes kommt derzeit eines zum anderen.

Die silberne Hoffnung heißt Permanent-Rennstrecke

Die große Hoffnung bei den Silberpfeilen sind die kommenden Rennen. War das deutsche Team in den Stadtkursen in Monte Carlo sowie Baku unterlegen, geht es in den nächsten Rennen wieder auf Permanent-Rennstrecken, also Kurse, die für Rennen ausgelegt sind, was die Straßen von Monaco und Aserbaidschan zweifelsohne nicht sind.

Auf dem Circuit Paul Ricard, dem Austragungsort des kommenden Grand Prix, gewann Lewis Hamilton zuletzt zwei Mal in Folge souverän.

Den Großen Preis von Österreich beziehungsweise der Steiermark, wo die nächsten beiden Rennen gefahren wurden, gewannen im vergangenen Jahr jeweils die beiden Mercedes-Piloten.

Chance für Red Bull - und die Formel 1?

Zweifelsohne, bei Mercedes ist nicht mehr alles so rosig wie in den vergangenen Jahren, auch wenn die beiden Boliden in Frankreich Platz eins und zwei beim Freien Training nahe Marseille belegten. Es hat aber aktuell etwas vom "FC Hollywood", wie der FC Bayern in den neunziger Jahren gerne in deutschen Medien bei internen Streitereien genannt wurde.

Das ist die Chance für Red Bull, nach sieben Jahren endlich die Dominanz von Mercedes zu brechen. Doch auch für die Rennserie selbst ist es eine Chance. Denn klar ist, je seltener es Abwechslung an der Spitze gibt, desto weniger Leute schalten auf Dauer ein.

Der Grand Prix in Aserbaidschan hatte alles was ein gutes und spannendes Rennen braucht und ließ die Fans der Rennserie in alte Zeiten eintauchen, als die ersten vier bis sechs Fahrer noch nicht vor Rennstart mehr oder weniger feststanden.

Das Interesse an der Rennserie ist kurzfristig zurück. Bei der FIA wird man hoffen, dass das auch langfristig so bleibt.

Kai Esser

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