George Russell. - Bildquelle: imago images/Motorsport ImagesGeorge Russell. © imago images/Motorsport Images

München/Bahrain – Ja, man muss die Kirche im Dorf lassen. Es ruhig angehen lassen, abwarten, das Ergebnis nicht zu hoch hängen.

Doch George Russell hat ein Statement gesetzt. Ein erstes Ausrufezeichen, ein erstes Momentum in seinen ersten Runden als Ersatzmann für den an Corona erkrankten Weltmeister Lewis Hamilton: Der Brite fuhr im ersten freien Training am Freitag in Bahrain im Mercedes die Bestzeit. 

Russell mit schnellster Runde im freien Training

0:54,546 Minuten benötigte er für seine schnellste Runde, damit lag er 0,176 Sekunden vor Red-Bull-Pilot Max Verstappen, gefolgt wiederum von Verstappens Teamkollegen Alex Albon und, noch wichtiger, seinem eigenen Teamkollegen Valtteri Bottas, der 0,322 Sekunden zurücklag.

"Er ist mit der Situation prima umgegangen. Da ist keine Aufregung. Er weiß, dass er ein tolles Rennauto übernimmt und für den größten Champion einspringt. Also will er einen guten Job machen. Er will sich Stück um Stück steigern", sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff: "Dafür, dass er das erste Mal im Wagen saß, hat er das sehr gut gemacht."

Probleme mit dem Sitz

Es war eine fehlerfreie Vorstellung des 22-Jährigen. Natürlich ging es im ersten Training auch darum, sich an den Mercedes zu gewöhnen. An das Lenkrad, das im Silberpfeil noch ein wenig komplexer ist als in anderen Autos, alleine schon durch das DAS-System. Oder an relativ profane Dinge wie Anzeigen im Cockpit, an das Einstellen der Bremsbalance.

Auch um den Wohlfühlfaktor ging es in den ersten 90 Minuten des vorletzten Rennwochenendes. "Wir müssen über meinen Sitz sprechen. Ich habe Probleme mit meinen Schultern", sagte er.

Alles Kleinigkeiten, die lösbar sind. 

Doch klar, das Ganze ist erst einmal nur eine Momentaufnahme, am Samstag gilt es zunächst im Qualifying, am Sonntag dann im Rennen, dann wird auf der Strecke ein anderer Wind wehen. Doch er deutete mehr als nur an, was möglich ist. Und klar ist damit auch, dass das Rennwochenende jede Menge Zündstoff bereithält.

Viele spannende Fragen in Bahrain

Denn es sind äußerst spannende Fragen, auf die es in Bahrain erste Antworten geben wird. 

Was kann Supertalent Russell wirklich?

Wird er vielleicht sogar Teamkollege Valtteri Bottas düpieren und den Finnen noch tiefer in die Krise stürzen?

Und was ist dann ein WM-Titel im Silberpfeil für Hamilton und Mercedes noch wert? Nichts mehr möglicherweise? Kritiker werfen dem Briten bekanntlich seit Jahren vor, er habe keinerlei Konkurrenz. Russell würde zeigen, dass – böse gesagt – tatsächlich jeder halbwegs talentierte Fahrer mit dem Boliden vorne reinfahren kann.

Bringt Russell Mercedes in die Zwickmühle?

Folgefragen inklusive: Was macht Mercedes, wenn Russell tatsächlich gewinnen sollte? Mit ihm, aber auch mit Bottas? Der Finne hat Vertrag für 2021, Russell soll erneut im Williams sitzen. Nicht wenige unken, dass man sich von Bottas, der in seinen Jahren an der Seite von Hamilton stets nur die Nummer zwei war, trennen könnte.

Auch wenn an einem Rennwochenende viel passieren kann, komplett unwahrscheinlich ist ein Szenario mit einem Russell-Sieg nicht, schließlich ist er kein Rookie mehr, steht voll im Saft und sitzt nun mal im besten Auto. 

Leclerc wettet auf Sieg

Das weiß auch die Konkurrenz, die ebenfalls gespannt ist – und viel erwartet. "Vielleicht gesteht er das jetzt nicht ein, aber das ist eine super Chance für ihn, zu zeigen, wie gut er ist – im Vergleich zu Valtteri, aber auch im Vergleich zu Hamilton", sagte Verstappen: "Der Rennsieg ist sicher möglich, selbst wenn er drei oder vier Zehntel hinter seinem Teamkollegen liegt, wird er ja immer noch Zweiter."

McLaren-Kollege Lando Norris, Kumpel aus Jugendtagen, glaubt, "dass er auf Pole fahren kann. Ich glaube auch, dass er gewinnen kann." Charles Leclerc geht noch einen Schritt weiter: "Ich wette auf einen Sieg von Russell."

Denn der 22-Jährige weiß, was er will.

2015 bat er in einer E-Mail um ein Treffen mit Toto Wolff, und er erschien zu dem Gespräch in Anzug, mit Krawatte und mit einem Notebook. 

Der Brite ist seit 2017 Teil des Mercedes-Juniorenprogramms, damals erklärte er den Verantwortlichen mit einer ausgefeilten Powerpoint-Präsentation über sich selbst, warum er der geeignete Mann für die Formel 1 ist. Er gilt als Kronprinz von König Lewis Hamilton, als Mann der Zukunft. 

Eloquente Auftritte

2018 wurde er Formel-2-Champion, dabei setzte er sich deutlich gegen Norris und Albon durch. 

Er kam 2019 bei Williams unter, wo er die damalige Teamchefin Claire Williams ebenfalls durch sein eloquentes und zielstrebiges Verhalten beeindruckte. Auch auf der Strecke tat er das, gewann in beiden Saisons alle Qualifying-Duelle mit Robert Kubica (2019) und Nicholas Latifi (2020). 

Dafür hat er in dem unterlegenen Auto in 36 Rennen noch nichts Zählbares holen können, Platz elf war das höchste der Gefühle. Das dürfte sich unter normalen Umständen am Sonntag ändern.

Und dann muss man auch nicht mehr die Kirche im Dorf lassen.

Andreas Reiners

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