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Ärger über VAR

Der Video-Assistent gehört auf die Ersatzbank - ein Kommentar

  • Aktualisiert: 12.09.2022
  • 17:41 Uhr
  • ran.de / Tim Brack
Article Image Media
© IMAGO/ActionPictures
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Auch am vergangenen Spieltag sorgten manche Entscheidungen der Schiedsrichter für Verwunderung. Rechtsprechung ist zwar nicht immer Gerechtigkeit - aber zurzeit läuft zu viel schief. Ein Kommentar von ran-Autor Tim Brack.

München - Wer Jura studieren möchte, wird früh mit der Frage konfrontiert: Willst du Gerechtigkeit erreichen? Lautet die Antwort Ja, wird gemeinhin von dem zeitintensiven Studium abgeraten. Die Ernüchterung wäre zu groß, denn es gibt einen Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rechtsprechung.

Und damit zum Fußball.

Für Stadionbesucher und Fernsehzuschauer hat die Beantwortung der Gerechtigkeitsfrage zwar keine so tiefgreifenden Folgen, sie sollten sie sich aber durchaus stellen. Denn auch im Fußball gibt es eine Rechtsprechung, die nicht immer dem entspricht, was der Einzelne als Gerechtigkeit empfindet.

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Frühe Wut auf den Videobeweis

Auf den Fußballplätzen dieser Republik sollen die Schiedsrichter Regeln anwenden, ihnen gelingt das nicht immer, denn im Gegensatz zu Richtern haben sie nur einen Wimpernschlag Zeit, um knifflige Entscheidungen zu treffen.

Als regulierende Instanz dient ihnen der Video-Assistent, nun schon in der sechsten Saison immerhin. Somit einer der Etablierten im Bundesliga-Kader. Doch der VAR scheint die Vorbereitung verpasst zu haben und sich noch im Aufbautraining zu befinden. Jedenfalls legen eindrucksvolle Wutanfälle von Trainern, Spielern und Fans diesen Eindruck früh in der Saison nahe.

Schiedsrichter Patrick Ittrich sagte jüngst: "Wir haben den dritten Spieltag und alle drehen durch." Er verordnete Entspannung, doch drei Spieltage später wirkt es nicht so, als habe sich die Branche sich zur täglichen Meditation getroffen. Im Gegenteil.

Ein Foul an der Gerechtigkeit

Allein an diesem Spieltag stürzten drei Szenen die Beobachter in eine fußballerische Sinnkrise. Zu recht? Jein.

In München erkannte Schiedsrichter Christian Dingert einen Treffer zum 1:1 der Stuttgarter gegen den FC Bayern nicht an. Der Unparteiische hatte das Tor zunächst gegeben, doch dem Videoschiedsrichter war bei der routinemäßigen Prüfung aufgefallen: Stuttgarts Chris Führich hatte vor dem Tor Joshua Kimmich am Trikot gezupft. War das ein Foul? Dingert studierte selbst die Videobilder und befand: Ja!

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10.09.

"Eine Kann-Entscheidung" - Nagelsmann stützt VAR-Urteil

Die Entscheidung, dem VfB Stuttgart das zwischenzeitliche 1:1 abzuerkennen, geht für Julian Nagelsmann in Ordnung. Dennoch meint der Bayern-Coach, dass man sich über eine andere Auslegung nicht hätte beschweren dürfen.

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Viele Fußballfans empfinden diese Entscheidung nun eher als ein Foul an der Gerechtigkeit. Denn Kimmich sackte nach dem leichten Textiltest zusammen, als habe ihn der gezielte Tritt eines Kung-fu-Meisters in die Kniekehlen getroffen.

Solche Vergehen werden im laufenden Spiel selten geahndet, schließlich ist nicht jede Berührung ein Foul. Fußball ist ein Kontaktsport. Dingerts Entscheidung darf also durchaus als zweifelhaft klassifiziert werden.

Der Eingriff des Video-Assistenten war aber definitiv unverhältnismäßig. Ja, er überprüft jedes Tor auf etwaige Vergehen, aber im Regelwerk des DFB heißt es, der VAR dürfe den Schiedsrichter "ausschließlich bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen oder schwerwiegenden übersehenen Vorfällen" unterstützen. Ein leichter Zupfer hat keinen Zutritt in diese Kategorie.

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Ein Schiedsrichter bleibt konsequent

In München mischte sich der Video-Assistent zu sehr ein, in Berlin flehten sie eine Reaktion aus dem Kölner Keller herbei. Dabei sprach Schiedsrichter Benjamin Brand durchaus mit seinen Kollegen an den Bildschirmen, nachdem Bayer-Abwehrspieler Odilon Kossounou aus kurzer Distanz im Strafraum an den Arm geschossen wurde.

"Ich stand ja im Austausch mit dem Video-Assistenten. Er konnte mir keine neuen Erkenntnisse zeigen, was meiner Wahrnehmung auf dem Platz widersprochen hätte", erklärte Brand später bei "Sky". Er verteidigte seine Entscheidung gegen einen Strafstoß für die Hertha. Das ist durchaus konsequent. 

Die Entscheidung deckt sich zudem mit dem Regelwerk, denn es muss eine absichtliche Berührung vorliegen oder der Körper durch die Hand- bzw. Armbewegung unnatürlich vergrößert werden. Beides kann man im Fall Kossounou ausschließen, wenn man das will.

Dass hier Rechtsprechung nicht unbedingt dem fußballerischen Gerechtigkeitssinn entspricht, ist aber mehr als verständlich. Die Bilder sind ja klar: Da verhindert ein Handspiel ein Tor. Das muss Strafstoß geben.

Collinas Erben löschen Twitter-Account

Das die eigene Wahrnehmung nicht immer den Regeln oder der Schiedsrichter-Sicht entsprechen muss, hat der Account "Collinas Erben" jahrelang auf Twitter erklärt. Das Duo aus Alexander Feuerherdt und Klaas Reese hat sich so einen Ruf als Schiedsrichter-Experten erarbeitet und war stets um Aufklärung bemüht.

Doch dass die Stimmung hinsichtlich des VAR aktuell extrem gereizt ist, haben die beiden am vergangenen Spieltag erfahren müssen. Es gab offenbar viele Anfeindungen. "Wir sind so etwas durchaus gewöhnt, Fußball ist emotional, so was muss man aushalten. Aber was gestern war mit über 200 Beleidigungen, Schmähungen, Herabwürdigungen - da muss man sich selbst schützen", sagte Mitbegründer Feuerherdt am Sonntag der "Deutschen Presse-Agentur".   

Elfmeter? Ja! Ja?

Zurück in die Bundesliga-Stadien: Legt man die Berliner Szene neben eine aus Köln, entstehen aber wieder Fragezeichen angesichts des VAR. FC-Verteidiger Luca Kilian hatte aus kurzer Distanz, den Rücken zum Ball gewandt, in der Landung begriffen, den Ball an den Arm bekommen.

Absicht? Nein.

Unnatürliche Bewegung? Keinesfalls.

Elfmeter? Ja.

Ja? Ja!

"Das wird Verarsche, das ist lächerlich. Das ist nicht die Regel", schimpfte Kölns Trainer Steffen Baumgart. Die Wortwahl ist zwar derb, doch unrecht hat er nicht. Dass der VAR der Strafstoßentscheidung nicht vehement widersprochen hat, obwohl er das hätte tun müssen, sorgt für Unverständnis.

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Ein Gefühl der Willkür

Und das ist das Kern des Problems. In Berlin wird etwas nicht gepfiffen, in Köln aber schon, in München nicht, dann doch, obwohl nicht hätte gepfiffen werden dürfen.

Eine Rechtsprechung, die nicht konsequent ist, vergrößert das Gefühl von Ungerechtigkeit, von Willkür. Es geht nicht um den berühmten Graubereich, der wird immer existieren. Aber die eindeutigen Situationen müssen zuverlässig gepfiffen werden – auch mithilfe des VAR. Im aktuellen Zustand gehört das System Video-Assistent aber erst einmal auf die Bank, bis es fit ist.

Tim Brack

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