Fussball-WM
WM 2026: Debatte um USA-Boykott - der DFB duckt sich weg - Kommentar
- Veröffentlicht: 27.01.2026
- 23:03 Uhr
- Thomas Kreidemeier
Man kann für einen Boykott der Fußball-WM in den USA sein oder dagegen – aber die Debatte darüber ist legitim und sollte öffentlich geführt werden. Das muss der DFB aushalten können. Ein Kommentar.
von Thomas Kreidemeier
Donald Trump, gewählter US-Präsident mit imperialistischen Bestrebungen, möchte Kanada und Grönland besitzen.
Gleichzeitig haben seine Schlägertrupps von der ICE in kürzester Zeit bereits zwei Menschen erschossen, nach allen vorliegenden Fakten unrechtmäßig. Selbst Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter warnt Fußball-Fans mittlerweile vor einer Reise in die USA.
"Ich frage mich wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber konkret nachzudenken und zu reden", forderte Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli und DFB-Vizepräsident, letzte Woche deshalb eine öffentliche Debatte über einen möglichen Boykott der Fußball-WM 2026 in den USA seitens der deutschen Nationalmannschaft.
Und wie es der Zufall will, hat er sie just durch diese Äußerung nun bekommen – richtig so!
Denn es gibt gute Argumente dafür, genauso wie es Contra-Argumente gibt, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Das darf das DFB-Präsidium nicht im stillen Kämmerlein tun.
DFB-Boss Neuendorf bekleckert sich nicht mit Ruhm
Doch bereits mit der Reaktion auf Göttlichs Aussage bekleckert sich DFB-Präsident Bernd Neuendorf nicht gerade mit Ruhm: Die Politik von US-Präsident Donald Trump sei für den Verband "sehr schwer zu bewerten“, das überlasse man der Politik. Uff.
Muss man wirklich Bundestagsabgeordneter sein, um sich eine Meinung dazu bilden zu können, wenn ein Egomane im Weißen Haus so brutal gegen sein eigenes Volk vorgeht und systematisch Menschenrechte gebrochen werden?
Wenn außenpolitisch irrwitzige Kolonialisierungspläne für weltweit anerkannte, demokratische Staaten herausposaunt werden?
Darüber hinaus komme die Debatte zur "Unzeit" und sei "zum jetzigen Zeitpunkt völlig verfehlt", so Neuendorf weiter. Aha. So wie immer also, wenn eine unbequeme Debatte ansteht. Wann der richtige Zeitpunkt dafür sei, verrät der DFB-Präsident uns allerdings nicht.
Neuendorf pfeift Göttlich bei WM-Boykott zurück
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WM-Boykott: Auch Watzke und Dreesen bügeln Diskussion ab
Leider steht Neuendorf damit nicht allein da. Auch DFL-Präsident Hans-Joachim Watzke findet nicht, "dass momentan die Zeit reif ist, über so etwas zu diskutieren."
Nationalspieler Robert Andrich sieht es laut eigener Aussage nicht als seine Aufgabe, darüber zu reden und auch Kapitän Joshua Kimmich hält politische Äußerungen für "nicht zielführend".
Beide unterschlagen, dass DFB-Leistungsträger sehr wohl ein gewichtiges Wort in der Diskussion haben – oder haben könnten, wenn sie ihren Einfluss nutzen würden.
Jan-Christian Dreesen, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, merkt an, man habe "in der Vergangenheit noch nie eine WM gesehen, die boykottiert worden wäre". Der Sport müsse sich auf das "Fußballspielen" konzentrieren, die Geopolitik werde woanders gemacht, so Dreesen.
Olympische Spiele wurden boykottiert
Ein legitimes Argument, gäbe es da nicht bereits diese Olympischen Spiele 1980 in Moskau, die Deutschland eben doch boykottiert hat.
Klar, Olympia und Fußball-WM sind nicht identisch – doch die Sachlage ist es durchaus, beides sind große Sportveranstaltungen mit politischem Symbolcharakter.
Grund für den Olympia-Boykott war damals die Expansionspolitik der Sowjetunion – genau der Vorwurf, der nun Trump zu machen ist, was Oke Göttlich zum Vergleich bewogen hat: "Meiner Einschätzung nach ist das Bedrohungspotenzial aktuell größer als damals."
Neben Göttlich stellt zumindest auch DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig klar, "dass Diskussionen und eine ordentliche Streitkultur ja erst mal per se nichts Verwerfliches sind" – Danke schön!
So reagiert Hans-Joachim Watzke auf das Thema WM-Boykott
WM-Boykott: DFB kann kaum etwas richtig machen
Klar: Der DFB kann bei dem Thema am Ende des Tages kaum etwas richtig machen. Viele Fans wollen die WM unbedingt, möchten mit einem deutschen Team mitfiebern. Da ist es deutlich bequemer, einfach auf Zeit zu spielen, sich nicht inhaltlich zu äußern, sondern nur zu "Reihenfolge" oder "Zeitpunkt".
Klar ist auch, dass der DFB eine solche Entscheidung nicht ohne die Bundesregierung treffen kann. Dass ein solcher Boykott am Ende des Tages vermutlich auch deshalb nicht zustande kommt, weil ähnlich wie bei Katar 2022 andere große Fußball-Nationen nicht mitziehen.
Aber das alles darf nicht dazu führen, dass versucht wird, die Debatte schon im Keim zu ersticken. Es darf nicht dazu führen, dass A sagt, B solle das entscheiden, B auf C verweist und C wieder auf A.
Jedem Menschen, der von dieser Entscheidung betroffen ist, egal ob Politiker, Sportfunktionär oder Spieler, darf zugetraut werden, sich dazu eine Meinung zu bilden.
Erst recht einem ehemaligen Sprecher des SPD-Parteivorstands und Staatssekretär in Nordrhein-Westfalen mit dem Namen Bernd Neuendorf. Heute ist er übrigens DFB-Präsident.