Nach Göttlich-Forderung
WM-Boykott? DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig: "Müssen nicht über jedes Stöckchen springen"
- Aktualisiert: 27.01.2026
- 12:34 Uhr
- Martin Volkmar
DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig spricht bei ran über die Forderungen nach einem WM-Boykott, die Ziele bei der WM, den Ärger um die Gründung der Frauen-Bundesliga und das Teamquartier in den USA.
Aus Frankfurt berichtet Martin Volkmar
Vor vier Jahren war Andreas Rettig einer der schärfsten Kritiker der WM in Katar.
Nun gibt es nach den Ausschreitungen in Minneapolis erneut Diskussionen um einen der kommenden drei Gastgeber, die USA.
Im Interview mit ran am Rande des DFL-Neujahrsempfangs im Frankfurter Palmengarten sprach der 62-Jährige, der seit September 2023 DFB-Geschäftsführer Sport ist, über die wichtigsten Themen des Jahres.
Die Bundesliga und 2. Liga auf Joyn
ran: Herr Rettig, was hat sich der DFB für das Sportjahr 2026 vorgenommen?
Andreas Rettig: Wir haben uns natürlich viel vorgenommen, auf allen Ebenen. Wir wollen die Qualifikation für die Frauen-WM 2027 schaffen. Wir wollen uns für die Endrunden der U-Wettbewerbe qualifizieren, und natürlich selbstredend ein gutes WM-Turnier in den USA spielen. Und wenn ich ehrlich bin, bin ich bei allen Zielen sehr optimistisch.
ran: Julian Nagelsmann hat den WM-Titel als Ziel ausgegeben, was bei einigen für Stirnrunzeln gesorgt hat. Ist das nach wie vor auch das Ziel, das Sie anstreben?
Rettig: Also dass der Bundestrainer in einer Phase, als wir alle emotional sehr angeschlagen waren, nach dem Ausscheiden bei der EM, diese Worte gewählt hat, fand ich großartig. Er hat direkt in dieser schweren Stunde Zuversicht vermittelt. Und ich finde, einem Bundestrainer zum Vorwurf machen, dass er ambitionierte Ziele ausgibt – nein, da hat er von uns kein Wort der Kritik gehört.
ran: Was ist aus Ihrer Sicht als Sportgeschäftsführer nach der anfangs problematischen, am Ende aber souveränen Qualifikation denn realistisch?
Rettig: Also eine Prognose abzugeben, ist in der Tat schwierig. Ich denke, dass wir ambitionierte Ziele haben. Ich lege mich auf jeden Fall fest, dass wir besser abschneiden werden als bei den letzten WM-Turnieren. Und ich denke schon, dass wir in der Qualifikation gesehen haben, was alles möglich ist. Im Negativen beim Auftakt in der Slowakei, aber auch am Ende mit diesem wirklich glanzvollen 6:0-Heimsieg. Und wir wünschen uns natürlich mehr Siege und mehr Leistungen wie bei diesem Spiel in Leipzig. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Vorrunde überstehen werden und danach hängt es von vielen Faktoren ab, vom Losglück, von Verletzungssituationen und wie es dann weitergeht. Also von daher sollten wir nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Vorrunde überstehen und dann gucken.
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ran: Welche Rolle spielen Julian Nagelsmann und Rudi Völler?
Rettig: Ich muss ehrlich gestehen, das ist ein kongeniales Pärchen. Rudi hat alles erreicht als Trainer und als Spieler. Er wird diese unglaubliche Erfahrung, die keiner sonst hat bei uns im Verband, an Julian, an die Mannschaft, an uns alle weitergeben. Aber das Entscheidende ist auch, dass Julian am Ende auch diese Nähe zulässt. Wenn ich die beiden beobachte, das ist wirklich großartig anzusehen, dass sie mit einem Grundvertrauen an die Sache herangehen. Dass Rudi eben nicht nur von früher erzählt, sondern auch im heute lebt und mit diesem Fundus am Ende allen hilft. Das ist eine wahre Freude. Also wer auch immer diese Idee hatte, das so zu installieren, es war eine gute.
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Andreas Rettig über DFB-Quartier: "Man macht sich keine Vorstellungen"
ran: Sie haben erstmals als Teil der DFB-Delegation das WM-Quartier ausgesucht und die Wahl ist ja immer etwas Besonderes, denn entweder ist sie der Grund für den Erfolg wie 2014 beim Campo Bahia oder für den Misserfolg wie 2018 in Watutinki. Warum sind Sie überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war?
Rettig: Bevor ich die Frage beantworte, muss ich wirklich aus tiefster Überzeugung erst mal allen Lob und Dank sagen, die monatelang, sogar fast anderthalb Jahre im Vorfeld daran beteiligt waren. Man macht sich ja gar keine Vorstellung davon, was da für eine Detailarbeit dahintersteckt, bis man am Ende da ist, wo wir sind. Und die größte Auszeichnung war im Übrigen, dass uns viele Nationalverbände nach der Auslosung um Unterstützung und Hilfe gebeten haben, weil sie gemerkt haben: Puh, der DFB ist schon einen Schritt weiter als wir. Ob das am Ende uns helfen wird, die Ziele zu erreichen, wird man dann sehen.
ran: Welchen Eindruck haben Sie vom Quartier in Winston-Salem?
Rettig: Ich war vor Ort und wir haben uns alles wirklich ganz genau angeschaut. Ich denke, dass hier ein exzellentes Quartier ausgesucht worden ist, unter allen wesentlich wichtigen Punkten. Gerade was das Thema der Abgeschiedenheit, aber auch vor allen Dingen der Mobilität angeht. Wenn ich sehe, dass wir zu keinem Spielort über drei Stunden anfliegen oder anreisen müssen: Das kann ein wichtiger Punkt sein. Wenn die Temperaturen aufs Gemüt drücken, dann fühlt man Reisestrapazen stärker. Am Quartier wird es sicherlich nicht liegen. Und von daher wird das keine Ausrede sein.
WM 2026: Boykott? "Müssen wir uns über jede Sachlage öffentlich äußern?"
ran: Von der Stimmung und von der Infrastruktur wird die WM im Sportland USA sicher erfolgreich sein. Andererseits gibt es derzeit nach den Todesfällen in Minneapolis politisch sehr starke Diskussionen, Oke Göttlich hat einen WM-Boykott ins Gespräch gebracht. Wie ist da Ihr Standpunkt?
Rettig: Ich schätze Oke natürlich sehr als Sankt Paulianer und finde auch, dass Diskussionen und eine ordentliche Streitkultur ja erst mal per se nichts Verwerfliches sind. Nur finde ich, man sollte zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Leuten streiten oder diskutieren. Ich habe es ein bisschen bedauert, dass Oke die Reihenfolge falsch gewählt hat, weil er ist eben nicht nur St. Pauli-Präsident, sondern er ist auch DFB-Vizepräsident. Und in dieser Eigenschaft hätte er zunächst mal in unseren vier DFB-Wänden seine Sicht der Dinge uns mitteilen sollen und das wäre sicherlich zielführender gewesen.
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ran: Wie nehmen Sie generell die Diskussionen wahr? Halten Sie sich vorerst mit einer Position zurück?
Rettig: Na ja, das ist ja ein steter Prozess. Wir werden jeden Tag überholt von neuen Meldungen. Die Frage, die sich stellt, ist: Müssen wir uns über jede neue Sachlage öffentlich äußern? Ich denke nicht, dass es die Aufgabe der DFB-Sportgeschäftsführung ist, Ratschläge öffentlicher Art an die Politik oder an andere zu geben. Ich habe mit Herrn Trump noch nie gesprochen, der Bundeskanzler sehr wohl. Ich denke, er wird mehr wissen als wir. Wir haben auf allen Ebenen der Politik enge Verbindungen zwischen den USA und der Bundesrepublik. Ich denke, dass es in erster Linie auch um diesen Informations- und Wissensvorsprung geht. Es wäre anmaßend, wenn wir aus dem Sport Erklärungen abgeben, ohne dass wir alle Fakten, Daten, Zahlen kennen. Das sollten wir nicht tun. Wir sollten zunächst mal die Entwicklung abwarten und nicht über jedes Stöckchen springen.
Andreas Rettig über FC Bayern: "Das ist Kaffeesatzleserei"
ran: Zurück zum Sportlichen: Manche Bundesliga-Vertreter beklagen den Alleingang von Bayern München an der Spitze. Sehen Sie das hingegen auch positiv, weil diese Stärke der Nationalmannschaft helfen kann?
Rettig: Dem FC Bayern vorzuwerfen, dass er guten Fußball spielt und Punkte holt, das verbietet sich. Wir sind in einer Leistungsgesellschaft. Wir wollen am Ende, dass unsere Mannschaften sportlich so weit wie möglich kommen, vor allen Dingen international. Ich schaue am Wochenende mit ganz großem Genuss die neun Spiele der Bundesliga und fühle mich nicht gelangweilt.
ran: Kann ein starker FC Bayern mit einem Nationalmannschafts-Block, möglicherweise inklusive Lennart Karl, nicht sogar ein Vorteil sein, wenn man auf erfolgreiche frühere Turniere zurückblickt?
Rettig: Das sind alles Dinge der Kaffeesatzleserei, ob es Vor- oder Nachteil ist. Am Ende muss man auch sehen: Ist Karl überhaupt dabei? Ich finde, dass wir eine wunderbare Ausgangssituation haben und bin ganz sicher, dass Julian mit seinem Trainerteam und Rudi Völler einen Kader zusammenstellen wird, der alles abdeckt. Sportlich zwischen Jung und Alt und vor allen Dingen auch, was die Teamchemie angeht. Es geht nicht nur darum, wer sind die besten Elf, sondern wie ist die beste Gruppe zusammengestellt. Das hat Julian schon bisher prima praktiziert und das wird auch für die WM so kommen.
Krach zwischen DFB und DFL? "Natürlich haben wir unterschiedliche Blickwinkel"
ran: Das Verhältnis zwischen DFB und DFL hat sich deutlich professionalisiert, aber es gab zuletzt Misstöne bei der Gründung der Frauen-Bundesliga, wo ja viele DFL-Vertreter bei den betroffenen Vereinen führend sind. Gibt es da etwas auszuräumen?
Rettig: Ich muss wirklich einen Schritt zurückmachen und kann nur sagen, dass DFB und DFL hervorragend zusammenarbeiten, weil unsere Protagonisten Hans-Joachim Watzke auf der einen und Bernd Neuendorf auf der anderen Seite eben auch dieses Grundvertrauen zueinander haben. Und das strahlt in beide Häuser ab. Und ich kann auch die Zusammenarbeit mit DFL-Geschäftsführer Marc Lenz nur loben. Ich bin in verschiedenen Kommissionen, wir arbeiten wirklich eng und vertrauensvoll zusammen. Natürlich haben wir auch mal hier und da unterschiedliche Blickwinkel auf bestimmte Themen. Aber auch da stimmt nicht nur die Chemie, sondern auch die Herangehensweise.
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ran: Zurück zu den Meinungsverschiedenheiten bei der Gründung der Frauen-Bundesliga …
Rettig: Das Thema Frauen ist in der Tat eins, das sage ich auch ganz deutlich. Da hätte ich mir schon gewünscht, dass man auch da nicht mit dem Finger auf uns zeigt, als wenn wir die Spielverderber wären. Das sind wir nicht. Uns eint das gleiche Ziel, nämlich die Entwicklung des Mädchen- und Frauenfußballs. Wir haben immer gesagt, wir wollen hier gemeinsam die Dinge voranbringen. Das steht nach wie vor. Und so wie ich die handelnden Personen kenne und einschätze, bin ich wirklich optimistisch, dass am Ende es nicht um Deutungshoheiten und Machtspielchen geht, sondern darum geht: Was ist das Beste für den Mädchen- und Frauenfußball? Und da werden wir eine gute Lösung finden, da bin ich sicher.
ran: Abschließend zur deutschen U21: Man hat den Eindruck, die Mannschaft ist eigentlich noch stärker als bei der EM, wo man erst im Finale den Titel verpasste. Wie blicken Sie auf dieses Team?
Rettig: Wir freuen uns über die Aufmerksamkeit, die wir bei Ihnen im Hause haben. Und deshalb gilt es tatsächlich, kräftig die Daumen zu drücken. Das wahrscheinlich vorentscheidende Spiel wird ja im März in Griechenland stattfinden. Da sind hoffentlich nicht nur die Daumen der SAT.1-Zuschauerinnen und Zuschauer gedrückt, sondern auch von ganz Fußball-Deutschland. Denn wir wollen wieder zur Endrunde.