Motorsport Formel 1
IndyCar-Dominator Alex Palou: Der Superstar, den die Formel 1 ignoriert
Mitten ins Sommerloch der Formel 1 hinein sorgte eine Veröffentlichung des in Indianapolis beheimateten Indy Star für Aufsehen. Dem Bericht zufolge soll Red Bull Interesse daran haben, den 28-jährigen Spanier für 2026 als Teamkollege von Max Verstappen zu engagieren. Die amerikanische Plattform beruft sich in ihrer Story auf anonyme "Quellen mit direkter Kenntnis der Gespräche".
Ein Gerücht, das einer Überprüfung allerdings nicht standhält. "Wir hatten zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Gespräche mit ihm", stellt Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko richtig. Auf Nachfrage, ob trotzdem Interesse an Palou bestehe, ergänzt er: "Nein. Wir haben unsere Fahrer. Er befindet sich nicht auf unserem Radar."
Zuvor hatte schon der Indy Star selbst berichtet, dass das Gerücht durch Palou, sein Management und sein derzeitiges IndyCar-Team Ganassi dementiert worden sei - was die Frage aufwirft, auf welcher Grundlage die Story eigentlich basiert, die in den vergangenen Tagen die Fantasie zahlreicher Motorsportfans angeregt hat.
Karriere eigentlich auf Formel 1 getrimmt
Palou durchlief in seiner Karriere eigentlich ein Nachwuchsprogramm, das stark auf die Formel 1 ausgerichtet war. 2014 war er Vizemeister in der Spanischen Formel 3, anschließend wechselte er in die GP3, und 2017 holte er den zweiten Gesamtrang in der Japanischen Formel 3. Ebenfalls 2017 bestritt er seine ersten vier Rennen in der Formel-2-Meisterschaft.
Erst 2019 nahm die Ausrichtung seiner Laufbahn eine Wendung, als er in Japan Super Formula fuhr und dort hinter Nick Cassidy und Naoki Yamamoto Platz 3 in der Meisterschaft belegte. Für 2020 ergab sich keine Chance in der Formel 1, und so wechselte er über den großen Teich nach Nordamerika, um dort sein Glück zu versuchen.
Dort schlug Palou ein wie eine Granate und wurde 2021 zum ersten Mal IndyCar-Champion. Seither legte er 2023 und 2024 weitere Titel nach, und auch in der aktuellen Saison führt er die Gesamtwertung an, überlegen vor Pato O'Ward und Scott Dixon.
Dem Vernehmen nach hat er inzwischen seinen Frieden damit gemacht, dass es mit der Formel 1 in diesem Leben nicht mehr klappen wird. Palou ist in Nordamerika ein absoluter Superstar, verdient gutes Geld, lebt ein komfortables Leben und hat in der familiären Atmosphäre der IndyCar-Serie auch noch Spaß an dem, was er tut.
McLaren-Chef Andreas Seidl war nicht überzeugt
Ein Wechsel in die Formel 1 war nie wirklich zum Greifen nah. 2022 ermöglichte ihm McLaren Tests in Barcelona und Spielberg, und beim USA-Grand-Prix in Austin durfte Palou sogar das erste Freie Training bestreiten. Die dabei gezeigte Pace war jedoch offenbar nicht ausreichend, um den damaligen McLaren-Teamchef Andreas Seidl davon zu überzeugen, dass Palou eine bessere Wahl wäre als Nachwuchstalent Oscar Piastri, der damals noch Alpine-Junior war und keinen Grand Prix bestritten hatte.
Einer, der genau weiß, wie schwierig es ist, zwischen der Formel 1 und den IndyCars hin und her zu wechseln, ist Fernando Alonso. Palous erfahrener Landsmann versuchte zwischen 2017 und 2020, die 500 Meilen von Indianapolis zu gewinnen - und scheiterte. Allerdings verkaufte sich Alonso dabei achtbar und konnte von Anfang an mit den besten IndyCar-Piloten mithalten.
Doch während ausrangierte Formel-1-Piloten wie Will Power, Alexander Rossi oder Marcus Ericsson heute feste Größen der IndyCar-Szene sind, ist es umgekehrt nur wenigen Stars aus der nordamerikanischen Szene gelungen, in der modernen Formel 1 zu überzeugen. Alessandro Zanardi oder Sebastien Bourdais können ein Liedchen davon singen, warum die Formel 1 als Königsklasse des Motorsports bezeichnet wird.
Der Wechsel aus den USA in die Formel 1, sagt Alonso, sei sicher "eine Herausforderung". Palou habe aber "das Talent, und er hat die Fähigkeit, sich schnell an etwas Neues anzupassen. Letztendlich hängt es sowieso immer davon ab, welches Auto du hast. Wenn du in einem hinteren Team bist, sieht es nach außen so aus, als könntest du dich nicht auf die Serie einstellen. Und dann machst du mehr Fehler, weil du versuchst, das zu kompensieren. In einem schnellen Auto geht alles ein bisschen leichter."
Palou sei, da ist sich Alonso sicher, "auf Formel-1-Niveau. Und sollte er die Chance bekommen, würde ich mich für ihn freuen." Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Und obwohl das Gerücht um Palou von allen Seiten entschieden zurückgewiesen wurde, bleibt die Frage: Warum ist kein Formel-1-Team an einem Fahrer wie dem Spanier interessiert?
Warum interessiert sich die Formel 1 nicht für IndyCar-Stars?
Ein Mann, der es geschafft hat, in einer nahezu einheitlichen Rennserie vier Titel in fünf Jahren zu gewinnen, darunter die seltene Kombination aus Indy-500-Sieg und Gewinn der Meisterschaft in derselben Saison. Und ein Fahrer, der bereits in seiner zweiten Ganassi-Saison den siebenmaligen Champion Scott Dixon, eine Legende des Sports, in Schach gehalten hat.
Noch 2022 wollte Red Bull IndyCar-Star Colton Herta einen Platz im kleinen Schwesterteam geben, doch der Wechsel scheiterte an den fehlenden Superlizenzpunkten. Ein Hindernis, das den Kalifornier bis heute bremst. Bei aller Klasse Hertas, dem jüngsten Rennsieger in der IndyCar-Geschichte, bewegt sich Palou zweifellos in einer anderen Liga.
Dass Fahrer wie Palou in Europa kaum Beachtung finden, wird oft als mangelnder Respekt gegenüber der IndyCar-Serie gesehen. Ein Stück weit berechtigt, schließlich ist die Formel-1-Blase schwer von außen zu durchbrechen, wenn man nicht aus ihrem eigenen Nachwuchssystem kommt.
Andere sehen die Ursache eher darin, dass die Formel 1 eine hochspezialisierte Disziplin und ein extrem risikoscheues Umfeld ist, in dem Teams lieber auf bekannte Größen setzen. Schließlich verfügen sie über einen ständigen Strom junger Talente, die in Simulatortests, Nachwuchsserien und mit älteren Formel-1-Boliden geprüft werden.
Im speziellen Fall von Red Bull ist die Lage heute stabiler als zu Hertas Zeiten, mit Nachwuchsfahrern wie Isack Hadjar und Arvid Lindblad, die klar auf Kurs in die Königsklasse (oder schon dort angekommen) sind. Die Philosophie von Red Bull bleibt: Nachwuchs aus den eigenen Reihen, wo immer möglich.
Passend dazu verkündete Cadillac in derselben Woche seine erste Formel-1-Fahrerpaarung - und entschied sich mit Valtteri Bottas und Sergio Perez für Erfahrung statt für ein unberechenbares Risiko. Auch das sorgte für Kritik unter Fans, die mehr Inspiration und US-Beteiligung gefordert hatten. Doch die meisten Beobachter dürften zustimmen, dass das von TWG Motorsports geführte Team, eine Schwester von Andrettis IndyCar-Organisation, damit den richtigen Weg gewählt hat.
Zudem mangelt es der Formel 1 nicht an eigenem Nachwuchs: Namen wie Hadjar, Andrea Kimi Antonelli, Gabriel Bortoleto oder Oliver Bearman bestätigen, dass die Talente-Pipeline funktioniert - und warum die Teams schlicht keinen Druck verspüren, über den Atlantik zu schauen.
Alte Kart-Kumpels: Das sagt Verstappen über Palou
Auch Max Verstappen, der Palou noch aus Kart-Zeiten kennt und dessen Leistungen mit großem Respekt würdigt, betont, wie schwer es für Formel-1-Teams sei einzuschätzen, inwieweit sich IndyCar-Erfolge 1:1 übertragen lassen. Williams' Experimente mit Jacques Villeneuve und Juan Pablo Montoya waren durchschlagend erfolgreich, sind aber lang her. Andere Versuche scheiterten.
"Es ist immer sehr schwer zu sagen", meint Verstappen. "Ich kenne Alex noch aus dem Kart, und was er in der IndyCar-Serie erreicht, ist unglaublich. Aber man weiß nie, wie jemand in der Formel 1 zurechtkommt. Und umgekehrt genauso. Ich freue mich einfach, dass er in der IndyCar so erfolgreich ist und dominiert. Er hatte die Chance zu gehen, hat sich aber entschieden zu bleiben."
Palou: Warum sollte er die IndyCars verlassen?
Doch was die Formel 1 verliert, ist der Gewinn für die IndyCars. Die Serie gewinnt unter ihrem neuen TV-Deal mit Fox wieder an Schwung und braucht jeden Star, den sie bekommen kann. Nachdem der Traum eines Formel-1-Cockpits Palou einst dazu verleitet hatte, Ganassi in Richtung McLaren verlassen zu wollen - eine Episode, die in einem laufenden Rechtsstreit endete -, scheint sein Interesse an der vermeintlichen Spitze des Motorsports stark abgekühlt.
Mit dem lang ersehnten Indy-500-Triumph, einem seiner acht Siege in einer dominanten Saison 2025, könnte man sagen, Palou habe IndyCar "durchgespielt". Der Sprung in die Formel 1 wäre die letzte große Herausforderung in seiner Karriere.
Doch Palou, der mittlerweile eine Familie gegründet hat und in den USA sesshaft geworden ist, scheint erkannt zu haben, dass das Gras auf der anderen Seite nicht grüner ist. Ganz ähnlich wie zuvor schon sein Rivale Josef Newgarden. Als unangefochtener König der IndyCars genießt er ein konkurrenzfähiges Auto, ein attraktives Gehalt und all die anderen Annehmlichkeiten, während ein Wechsel in die Formel 1 schnell in einem unkontrollierbaren Debakel enden könnte.
Mit jedem Erfolg in der IndyCar verliert die Formel 1 für ihn an Reiz, und die Zahl potenziell attraktiver Cockpits schrumpft ohnehin auf die Topteams zusammen, die vermutlich niemals ein solches Risiko eingehen würden.
Palou: "Formel 1 ruft mich nicht mehr"
"Die Formel 1 ruft mich nicht mehr", sagte Palou im Mai zu IndyCar-Reportern. "Ich glaube nicht, dass sie dort so viel Spaß haben wie wir hier. Ich sehe nicht, dass sie mit ihren Frauen und Kindern feiern, oder dass sie im Fahrerlager abhängen und mit ihren Mechanikern essen gehen. Ich genieße es einfach, zu fahren, Spaß zu haben und mit meinen Leuten zusammen zu sein. Für mich ist die Formel 1 das komplette Gegenteil."
Auch sein Teamchef Chip Ganassi denkt ähnlich: "Ich glaube nicht, dass die Anziehungskraft noch dieselbe ist wie früher. Es gibt dort zwei oder drei gute Sitze, aber abseits davon: Warum sollte man von einem Sieg im größten Rennen der Welt in ein Umfeld wechseln, das weniger bietet? Er hatte die Chance zu gehen, und er hat sich entschieden zu bleiben."
Auch wenn es nicht zu einem Palou-Wechsel in die Formel 1 kommen wird: In Europa werden die Leistungen des Spaniers in der IndyCar-Serie wahrgenommen. "Er macht dort einen unglaublichen Job", sagt etwa Palous Landsmann Carlos Sainz. Aber: "Die Formel 1 ist ein ganz anderes Kaliber. Sowohl was das Fahrerische betrifft, als auch im Hinblick auf die Auto-Formel. Sie ist ganz anders als alles andere."
Sainz: Palou fährt wahnsinnig gut IndyCar, aber ...
Vorherzusagen, wie sich Palou in der Formel 1 schlagen würde, empfindet Sainz daher als "schwierig. Ich kann nur sagen, dass er sich in der IndyCar-Serie unglaublich gut macht. Denn du musst schon besonders gut sein, wenn du eine so umkämpfte Kategorie auf so eine Art und Weise dominieren kannst wie er."
2026, meint Sainz, wäre ein guter Zeitpunkt für einen Wechsel gewesen, denn: "Es ist immer besser, wenn alle von vorne beginnen müssen", spielt er auf den bevorstehenden Regelumbruch in der Formel 1 an. "Das wäre ein guter Zeitpunkt, denn man sieht ja gerade, wie schwer sich diejenigen tun, die das Team gewechselt haben. Das ist eine schwierige Anpassung."
"Nicht so sehr, weil das Auto schwer zu fahren wäre oder sich stark unterscheiden würde, sondern weil dein Teamkollege das Auto sehr gut kennt, das Team sehr gut kennt - und er ist dein Maßstab, den du zumindest erreichen musst. Das ist schwer, wenn er schon drei oder vier Jahre Erfahrung mit genau diesem Auto und Team hat, während du sofort einsteigen und mithalten sollst."
"Wenn es eine Regeländerung gibt, fällt all das weg. Der Teamkollege kennt zwar die Leute, aber er kennt das Auto nicht, er kennt das Set-up nicht, er kennt die Reifen nicht, er kennt den Motor nicht. Es ist also ein deutlich größerer Neustart. Deshalb wäre es ein guter Zeitpunkt, in die Formel 1 zu kommen, wenn man von außen einsteigt. Denn dann ist für alle alles neu. Und wahrscheinlich werden die Autos auch langsamer sein - körperlich weniger fordernd, dafür vielleicht mental anspruchsvoller", vermutet Sainz.