Dabo Swinney. - Bildquelle: imago images/ZUMA WireDabo Swinney. © imago images/ZUMA Wire

München – Es ist im Sport eine hohe Kunst, mit Krisen umzugehen. Den Druck auszuhalten und die Richtung zu halten.

Manche Trainer holen den verbalen Vorschlaghammer heraus, treten ihren Jungs in den Hintern. Andere versuchen es mit Psychotricks oder anderen Motivationshilfen. Viele scheitern auch schlicht und ergreifend, sind mit den Herausforderungen überfordert. Wiederum andere nutzen Streicheleinheiten, stellen sich gegen den Sturm und vor ihr Team. 

Dabo Swinney macht im Sturm erst einmal einen Schritt zur Seite. Damit den Tigers der Wind ins Gesicht bläst.

Clemson Tigers müssen "lernen, wie man gewinnt"

"Dieses Team muss wieder lernen, wie man gewinnt. Man hat nicht das Recht zu gewinnen, nur weil man nach Clemson kommt", sagte Swinney, der für den völlig verpatzten Saisonstart die Verantwortung übernimmt, aber auch seine Mannschaft in die Pflicht nimmt, ihr keinen Schutz liefert, keine Ausreden. 

Viele gibt es bei einer 4-3-Bilanz (3-2 ACC) auch nicht. Zuletzt setzte es eine bittere 17:27-Pleite gegen Pittsburgh.

Zugegeben: Clemson muss derzeit verletzungsbedingt auf 17 Spieler verzichten, für 14 von ihnen ist die Saison sogar vorzeitig beendet. "Das ist das Verrückteste, was ich im College-Football je gesehen habe", sagte Swinney. 

Aber: Diejenigen, die fit sind, müssen liefern. "Zu diesem Zeitpunkt wird alles bewertet", sagte Swinney. "Jeder muss jeden Tag da sein, und wir müssen einen Tag nach dem anderen nehmen. Wir werden trainieren und sehen, wer das beste Training hat, und der wird dann spielen."

Fragezeichen und Ärger bei Clemson

Doch ob das reicht, um das Ruder herumzureißen? Die Stimmung ist angespannt, denn natürlich ist das College erfolgsverwöhnt, in den letzten Jahren spielten die Tigers schließlich regelmäßig um den Titel mit. Rückschläge in diesem besorgniserregenden Ausmaß gab es lange nicht.

2015, 2016, 2018 und 2019 erreichte das Team das National Championship Game, den Titel feierte man 2016 und 2018. In den letzten sechs Jahren ging die Conference stets an die Tigers. Das ist auch das Mindestziel für 2021. Swinney ist seit 2008 der Tigers-Coach, seitdem blickt er auf eine beeindruckende 144:36-Bilanz. 

Trotzdem spürt auch er den Druck.

Swinney: "Waren Vorbild an Beständigkeit"

"Ich denke, wir waren ein Vorbild an Beständigkeit - auf und neben dem Spielfeld. Hoffentlich haben wir uns ein bisschen Vertrauen verdient. Die Fans haben jedes Recht, enttäuscht zu sein. Ich bin enttäuscht. Jeder ist enttäuscht. Aber ich weiß, was in uns steckt, und wir werden daran wachsen und wieder ein paar Spiele gewinnen", sagte er. 

Und warb in der Woche vor dem Spiel gegen die Florida State Seminoles (Samstag ab 21:30 Uhr exklusiv auf ran.de) gleich mehrfach um Verständnis und Rückendeckung.

Und fand dabei auch deutliche Worte.

"Ich möchte, dass sich alle entspannen", sagte Swinney in der "The Roar's Out of Bounds Show". "Ich möchte, dass jeder etwas Vertrauen hat. Ich möchte jeden dazu auffordern, seine Perspektive zu überprüfen. Wenn ihr nicht an diesen Trainerstab, dieses Team und die Kultur, die wir in Clemson haben, glaubt, nachdem was wir alle in den letzten Jahren durchgemacht haben, dann habt ihr wahrscheinlich von Anfang an nicht daran geglaubt."

Man habe in der Offensive versagt, das stehe außer Frage, man habe aber das Football spielen nicht verlernt, und man kenne die Probleme, stellte Swinney klar und versprach: "Wir werden besser werden."

Ein Gesicht der Krise neben Swinney ist Quarterback D.J. Uiagalelei, der Nummer-1-Pick Trevor Lawrence beerbt hat. Doch in die Fußstapfen seines Vorgängers passt er noch nicht rein: Zuletzt gegen die Panthers wurde er auf die Bank beordert, Taisun Phommachanh übernahm stattdessen.

Uiagalelei als ein Gesicht der Krise

Vor der Saison nach vielversprechenden ersten Einsätzen 2020 als Heisman-Anwärter gehandelt, steht Uiagalelei nach sieben Einsätzen bei 1.102 Yards, vier Touchdowns, fünf Interceptions. Er brachte bislang nur 54,8 Prozent seiner Bälle an den Mann. Dabei lassen seine Wide Receiver allerdings auch viele Bälle fallen, das Corps agiert zu fehlerhaft, die ganze Offense ist eine große Baustelle.

 

"Du musst es dir jede Woche verdienen", sagte Uiagalelei. "Das ist meine Einstellung, seit ich klein war. Wenn ich nächste Woche nicht dabei bin, bin ich hier und würde mich freuen, meinen Bruder Taisun zu sehen". 

Während Swinney eine Reaktion von seiner Mannschaft sehen will, lässt er auf sein Trainerteam nichts kommen. Besonders Offensive Coordinator Tony Elliott steht in der Kritik, für viele ist das Playcalling zu konservativ. 

Die Frage nach möglichen Änderungen im Trainerstab bügelte Swinney, der zuletzt 2010 mit den Tigers eine negative Bilanz hatte und zuletzt 2011 mehr als drei Saisonniederlagen kassierte, aber ab: "Auf keinen Fall. Wir haben einen großartigen Stab, an den ich von ganzem Herzen glaube."

Krise war bei den Tigers schon lange nicht mehr. Es ist eine Kunst, mit ihnen umzugehen. Ob Swinney sie noch beherrscht, werden die nächsten Spiele zeigen.

Andreas Reiners

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