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München - Ein kurzer Schritt nach vorne, ein Sprung in die vom Schützen aus rechte Ecke. Einen Moment passiert nichts, dann brechen die Fans der Türkei auf der Tribüne in frenetischen Jubel aus. Das ganze Team stürmt auf Torhüter Rüstü Recber zu, der lässt sich fallen und wird innerhalb von Sekundenbruchteilen unter einer Traube Menschen in rot-weißen Trikots begraben.

Knapp 13 Jahre ist es nun her, dass der damalige Nationaltorwart seine Mannschaft mit dem gehaltenen Elfmeter gegen Kraotiens Mladen Petric in das Halbfinale der EM 2008 hievte und somit den größten Erfolg seiner Nation bei einer Europameisterschaft sicherte.

Im Jahr 2021 sind die Protagonisten natürlich andere, die am 11. Juni das Eröffnungsspiel in Rom gegen eine formstarke italienische Auswahl bestreiten werden (ab 21:00 Uhr im Liveticker auf ran.de). Und doch könnte die türkische Auswahl für eine Überraschung sorgen, zunächst muss aber die Gruppenphase überstanden werden. Die Gegner in Gruppe A sind neben Italien die Schweiz und Wales.

Im ran-EM-Check haben wir uns "Ay-Yildizlilar" ("die Mond-Sterne") näher angesehen.

So lief die Qualifikation:

Gar nicht so schlecht. Das Duell mit Island um den zweiten Platz wurde gewonnen, der Rückstand auf den Tabellenersten, den amtierenden Weltmeister Frankreich, betrug lediglich zwei Punkte. Und die französischen Superstars um Kylian Mbappe und Co. taten sich enorm schwer - auf heimischem Platz reichte es nur zu einem 1:1, beim Gastspiel in der Türkei setzte es gar eine 0:2-Pleite. Auch die Top-Nationen sollten also gewarnt sein, wenn es gegen die Türken geht.

Das ist neu:

Die Mannschaft ist wesentlich jünger und wirkt homogener, zumindest was den Altersschnitt angeht. In der Vergangenheit standen oftmals routinierte Akteure auf dem Rasen, Youngster waren seltener zu finden. Nicht so unter Trainer Senol Günes, beim EM-Test gegen Aserbaidschan Ende Mai betrug das Durchschnittsalter 23,6 Jahre - laut "transfermarkt.de" der drittniedrigste Wert der türkischen Geschichte.

EM 2021: Auf diese Spieler kommt es an:

Im Fokus des türkischen Spiels und der gegnerischen Abwehrreihen dürfte aller Voraussicht nach Kapitän Burak Yilmaz stehen. Der 35 Jahre alte Angreifer schoss unlängst den OSC Lille mit 16 Treffern zur französischen Meisterschaft und dürfte ebenso wie seine Vereinskollegen Yusuf Yazici und Zeki Celik mit extrem breiter Brust zur EM fahren.

Hinter dem Routinier zieht Hakan Calhanoglu (AC Mailand) die Fäden, auch das Abwehrzentrum ist mit Caglar Söyüncü (Leicester City), Merih Demiral (Juventus Turin) und Ozan Kabak (FC Liverpool) stark besetzt.

Das macht Mut:

Offensiv traute man der Türkei bereits in der Vergangenheit einiges zu, nun steht aber auch die Defensive. In der Qualifikation kassierte die Mannschaft lediglich drei Gegentreffer - davon kein einziges auf heimischen Rasen - und teilte sich den ersten Platz für die beste Abwehr der Quali mit Belgien. Keeper Mert Günok, der sich bei der EM wohl mit der Rolle als Nummer zwei hinter Ugurcan Cakir begnügen muss, spielte in neun Partien sieben Mal zu null und stellte gemeinsam Thibaut Courtois die beste Quote aller Schlussleute mit mindestens zwei Einsätzen.

Das bereitet Sorgen:

In Cenk Tosun riss sich der beste türkische Torschütze der Qualifikation im April die Patellasehne und fehlt für das Turnier. Fünf der 18 Quali-Treffer gingen auf das Konto des Everton-Stürmers, zweitbester Torschütze war Abwehrspieler Kaan Ayhan, der drei Mal netzte.

Sollte Tosun-Ersatz Yilmaz bis zur EM oder währenddessen seine Form verlieren oder schlimmstenfalls verletzen, verfügt die Türkei über keinen Mittelstürmer von internationalem Format, der in Günes' präferierten 4-1-4-1-System allerdings unabdingbar ist.

Das sagt der Experte:

"Insgesamt betrachtet hat die türkische Nationalmannschaft einen großen Sprung nach vorne gemacht, das hat man in der Qualifikation gesehen. International hat die Mannschaft wenig Erfahrung, das ist sicherlich ein Handicap. Ich hoffe aber, dass sie das durch Unbekümmertheit und wenig Nachdenken wettmacht", so Journalist Erdem Ufak gegenüber dem "Schweizer Radio und Fernsehen".

EM 2021: So stehen die Chancen auf den Titel:

In Anbetracht der restlichen Teams ist die Wahrscheinlichkeit auf den Titelgewinn verschwindend gering. Das Überstehen der Gruppenphase, im schlechtesten Fall als einer der vier besten Gruppendritten, sollte das Minimalziel sein. Mit etwas Glück ist auch das Viertelfinale drin, doch spätestens in der Runde der letzten Acht ist wohl Schluss für die Türkei.

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