Bundesliga
FC Bayern verpfiffen? Ex-Schiedsrichter Urs Meier exklusiv: "Diese Regel ergibt keinen Sinn!"
- Aktualisiert: 16.03.2026
- 14:26 Uhr
- Oliver Jensen
Der frühere FIFA-Schiedsrichter Urs Meier äußert sich gegenüber ran zur Schiedsrichter-Kritik des FC Bayern München und hat außerdem eine klare Meinung zur Abseits-Regelung sowie zum Videobeweis.
Das Interview führte Oliver Jensen
Der VAR sorgt weiterhin für viel Ärger.
Beim 1:1 zwischen Bayern Leverkusen und dem FC Bayern München wurden gleich drei Tore nach Videoüberprüfung aberkannt, zudem gab es eine Rote Karte für FCB-Stürmer Nicolas Jackson. Dies sorgte beim FC Bayern für viel Ärger.
Der frühere FIFA-Schiedsrichter Urs Meier sprach mit ran über den Ärger der Bayern, die aktuelle Abseitsregel und den Videoassistenten.
ran: Herr Meier, nach dem Spiel am Samstag sagte Uli Hoeneß, es sei "die schlechteste Schiedsrichterleistung der Bundesliga-Geschichte" gewesen. Was sagen Sie zu dieser Einschätzung zum Unparteiischen Christian Dingert?
Urs Meier: Das ist seine subjektive Meinung, die er natürlich äußern darf. Uli Hoeneß hat in der Vergangenheit öfter Druck auf Schiedsrichter ausgeübt, auch wenn es in den letzten Jahren deutlich ruhiger geworden war. Früher kam das häufiger vor, wenn ein Schiedsrichter in seiner Wahrnehmung gegen den FC Bayern gepfiffen hat. Mich hat überrascht, dass jetzt wieder so viel Kritik am Schiedsrichter geäußert wurde. Wenn man sich die einzelnen Szenen anschaut, muss man fragen: Wo hatte der Schiedsrichter überhaupt großen Spielraum?
VIDEO: Schön oder strange? Kwasniok applaudiert plötzlich Polzin
Urs Meier stellt Handspielregel in Frage
ran: Bei den Schlüsselszenen – zwei Platzverweise und drei zurückgenommene Tore – stimmen Sie den Entscheidungen im Großen und Ganzen zu?
Meier: Gerade bei den zurückgenommenen Toren durch Handspiel oder Abseits hat der Schiedsrichter eigentlich keinen Spielraum. Das Regelwerk gibt das klar vor. Wenn unmittelbar vor einem Tor ein Handspiel eines Angreifers passiert, ist das strafbar. Das war sowohl bei Jonathan Tah als auch bei Harry Kane der Fall. Die eigentliche Frage ist daher: Macht diese Regel überhaupt Sinn? Ich sage schon seit ihrer Einführung, dass sie keinen Sinn ergibt. Sie ist auch unfair, weil ein Angreifer in dieser Situation automatisch bestraft wird, während bei Verteidigern wieder über Absicht oder Fahrlässigkeit diskutiert wird. Aber der Schiedsrichter kann nichts anderes tun, als die Regel umzusetzen.
ran: Beim Abseits geht es teilweise um Zentimeter, etwa bei der Szene mit Jonas Hofmann, der das vermeintliche 2:1 für Bayer Leverkusen erzielte. Ist dieses zentimetergenaue Nachmessen sinnvoll?
Meier: Das ist genau die Diskussion: Sinn oder Unsinn dieser Regel. Die FIFA hat den erlaubten Körperbereich für ein Tor verändert – ungefähr der Bereich, der von einem Kurzarmtrikot bedeckt ist. Damit kann man theoretisch ein Tor erzielen. Aber solche minimalen Entscheidungen führen natürlich zu Diskussionen. Wir sehen ein Standbild, und wenn darauf ein oder zwei Zentimeter Abseits zu erkennen sind, hat der Videoassistent kaum eine andere Möglichkeit, als das so zu entscheiden. Trotzdem muss man sich fragen, ob solche annullierten Tore wirklich im Sinne des Fußballs sind. Für mich waren alle drei zurückgenommenen Tore nicht im Sinne des Spiels.
ran: Wie könnte man die Abseitsregel verbessern?
Meier: Ein Problem ist der Messpunkt am Körper. Ich denke, man könnte darüber nachdenken, nur die Füße als Messpunkt zu nehmen. Technisch wäre das mit dem Videoassistenten relativ einfach umzusetzen.
ran: Wäre der Fußball nicht vielleicht noch spannender, wenn man Abseits ganz abschaffen würde?
Meier: Diesen Vorschlag habe ich tatsächlich schon 2005 oder 2006 nach der Weltmeisterschaft gemacht. Ich habe damals Sepp Blatter vorgeschlagen, Spiele testweise ohne Abseitsregel auszuprobieren. Ich kam darauf, weil im Hockey das Abseits damals abgeschafft wurde und das Spiel dadurch deutlich attraktiver geworden ist. Heute will dort niemand mehr die alte Regel zurück. Blatter hat mir damals allerdings gesagt: Wer so etwas fordere, habe keine Ahnung von Fußball. Man hat Angst, ohne Abseits würde sich der Stürmer einfach vor das gegnerische Tor stellen und auf ein Zuspiel warten. Ich glaube nicht, dass das der Fall wäre. Ich würde meinen Vorschlag auch heute noch vertreten. Man sollte es zumindest einmal testen.
Externer Inhalt
VIDEO: 1. FC Köln - Kwasniok: "Geht mir alles auf den Sack! Genau so"
Bayern-Protest gegen Díaz Platzverweis "ohne Aussicht auf Erfolg"
ran: Ein weiterer Streitpunkt war die Gelb-Rote Karte gegen Luis Díaz, der nach einer angeblichen Schwalbe vom Platz flog. Bayern kündigte einen Protest an und will offenbar eine Sperre verhindern. Wie beurteilen Sie das?
Meier: Ich glaube, man will damit auch ein Zeichen setzen. Aussicht auf Erfolg hat dieser Protest nicht. Ich sehe die Szene eher als Schwalbe, daher wurde richtig entschieden. Wenn ein Schiedsrichter dann den Mut hat, eine Gelb-Rote Karte zu zeigen, nachdem er zuvor schon eine Rote Karte gegen Bayern gegeben hat, finde ich das eher stark. Ich glaube auch: Hätte Bayern das Spiel gewonnen, hätte es diesen Protest wahrscheinlich nicht gegeben.
ran: Allerdings sagte der Schiedsrichter nach dem Spiel, er würde dies nicht noch einmal als Schwalbe werten ...
Meier: Vermutlich hat sich Christian Dingert noch einmal das Standbild angesehen und erkannt, dass es einen kleinen Kontakt gab. Daher kam er zu dieser Einschätzung. Der gesamte Bewegungsablauf deutet aber darauf hin, dass der Spieler den Kontakt sucht. Daher ist das eine Schwalbe.
Urs Meier über Umgang mit Schiedsrichtern: "Keine gute Entwicklung"
ran: Haben Sie den Eindruck, dass die öffentliche Kritik des FC Bayern auch dazu dient, Druck auf Schiedsrichter auszuüben?
Meier: Früher war das tatsächlich öfter der Fall. Beim FC Bayern habe ich das lange nicht mehr so erlebt, deshalb überrascht mich die aktuelle Entwicklung. Ich finde sie nicht gut. In den entscheidenden Szenen lag der Schiedsrichter im Grunde richtig. Man kann natürlich über die Qualität der Schiedsrichter sprechen - aber dann muss man auch bereit sein, etwas dafür zu tun. Die Bundesligavereine müssten sich stärker dafür interessieren, unter welchen Bedingungen Schiedsrichter arbeiten und wie man ihre Ausbildung und Professionalität verbessern kann. Stattdessen wird häufig nur kritisiert. Das ist keine gute Entwicklung.
ran: Der Videoschiedsrichter soll ab der kommenden Saison auch noch Ecken und Gelbe Karten überprüfen. Halten Sie das für sinnvoll? Manche Fans wünschen sich eher eine Abschaffung des VAR …
Meier: Genau, das wünsche auch ich mir schon lange. Die Zahl der VAR-Eingriffe steigt ständig. Ursprünglich war der Videobeweis für klare Fehlentscheidungen gedacht – für Dinge wie das "Handspiel Gottes" von Maradona oder ähnliche Szenen. Jetzt wird immer mehr überprüft. Die UEFA möchte eigentlich wieder zurück zu dieser ursprünglichen Idee, während die FIFA eher noch weitere Eingriffe ermöglicht. Das halte ich für den falschen Weg. Wenn ein Schiedsrichter in einem Spiel fünf- oder sechsmal vom VAR korrigiert werden muss, stellt sich irgendwann die Frage, was auf dem Platz eigentlich noch entschieden wird.
Auch interessant: Bayern-Juwel: 16-Jähriger gegen Bergamo im Tor?