- Anzeige -
- Anzeige -
Handball-EM

Handball-EM 2026 - Bob Hanning: "Gold muss jetzt für uns alle der Anspruch sein"

  • Aktualisiert: 02.02.2026
  • 16:37 Uhr
  • Andreas Reiners

Die deutschen Handballer haben bei der EM Silber geholt. Wir haben mit Bob Hanning über die Lehren aus dem Turnier, die deutsche Perspektive, den neuen TV-Partner und Maßnahmen für die Zukunft gesprochen.

Das Interview führte Andreas Reiners

Am Tag nach Silber folgte der Ausblick.

Die Prognosen, die Beurteilungen nach der starken EM der deutschen Handballer, die das Finale gegen Dominator Dänemark 27:34 verloren hatten. Klar ist: Der neue Europameister sowie amtierende Weltmeister und Olympiasieger ist das Maß der Dinge im Welthandball.

Noch.

Denn Bundestrainer Alfred Gislason sagt zum Beispiel, die deutsche Mannschaft habe vielleicht die beste Perspektive im Welthandball. Und Ex-Bundestrainer Heiner Brand nennt sie sogar die talentierteste Mannschaft seit 50 Jahren.

"Dem habe ich nichts hinzuzufügen", sagte Bob Hanning im ran-Interview. "Dass wir mit dieser Mannschaft in der Lage sind, im Welthandball eine Spitzenposition einzunehmen, ist für mich in vielerlei Hinsicht sichtbar. Auch deshalb, weil man bei vielen anderen Nationen nicht automatisch das Gefühl hat, dass dort vergleichbares Potenzial nachkommt", so der Nationaltrainer Italiens und Geschäftsführer des Bundesligisten Füchse Berlin.

Wir haben mit Hanning zudem unter anderem über die Lehren aus dem Turnier, die deutsche Perspektive, den neuen TV-Partner und Maßnahmen für die Zukunft gesprochen.

- Anzeige -
- Anzeige -

Hanning: "Es muss einfach alles passen"

ran: Herr Hanning, Mathias Gidsel hat "ein bisschen Angst" vor dem Heimvorteil des deutschen Teams bei der WM 2027. Das DHB-Team sei "der größte Gegner". Wie nah ist der deutsche Handball dran am Dominator Dänemark?

Bob Hanning: Zunächst einmal muss man sagen: Die Dänen haben die Europameisterschaft verdient gewonnen. Aber ich finde auch, dass wir bei dieser EM Silber gewonnen haben. Wenn man sich das Finale anschaut, dann spiegelt das Sieben-Tore-Ergebnis den Spielverlauf nicht wirklich wider. Es war ein viel engeres Spiel, das erst in den letzten Minuten entschieden wurde. Da ist das Ergebnis dann etwas deutlicher ausgefallen, als es eigentlich war. Deshalb bin ich insgesamt sehr zufrieden. Man darf nicht vergessen: Viele Faktoren, die bei dieser EM auf Seiten der Dänen waren, werden beim nächsten Turnier auf unserer Seite sein. Dass die Spieler heiß sind, den Bock umzustoßen – und dass das möglich ist –, das haben wir bei der EM gesehen.

ran: Was hat im Finale letztlich noch gefehlt?

Hanning: Um so ein Spiel zu gewinnen, muss einfach alles passen. Man muss ehrlich sagen: Immer wenn es eng wurde, hat uns Andi Wolff gerettet und verhindert, dass das Spiel komplett kippt. Auf der anderen Seite war es so, dass wir jedes Mal, wenn wir die Chance hatten, das Unmögliche doch noch möglich zu machen, diesen einen Fehler zu viel gemacht haben. Unabhängig davon muss man auch sehen: Die Dänen hatten ein enormes Verletzungspech, vor allem im Zentrum. Das hat ihnen definitiv wehgetan. Aber auch für uns war die Situation mit dem Ausfall von Justus Fischer und vor allem mit der Roten Karte gegen Tom Kiesler schwierig. Matthes Langhoff hat das im Zentrum zwar sehr stark gemacht, aber dadurch hat er uns dann auf der Halbposition gefehlt. Das war ein Faktor, den man im Spiel gemerkt hat.

- Anzeige -
- Anzeige -

Handball-EM - Johannes Golla hadert mit Strafen: "Kam viel zusammen"

ran: Wie bewerten Sie die Rolle der Schiedsrichter? Für einige Entscheidungen im Finale gab es Kritik.

Hanning: Für mich war das Schiedsrichtergespann eines der besten, das ich in den vergangenen Jahren in einem Finale erlebt habe. Und genau das ist das Gute an diesem Spiel: Wir können zufrieden sein mit unserer Leistung und müssen uns nicht darüber ärgern, dass äußere Umstände oder Entscheidungen uns dieses Spiel gekostet haben.

Externer Inhalt

Dieser Inhalt stammt von externen Anbietern wie Facebook, Instagram oder Youtube. Aktiviere bitte Personalisierte Anzeigen und Inhalte sowie Anbieter außerhalb des CMP Standards, um diese Inhalte anzuzeigen.

Hanning: "Man kann lernen, Finals zu gewinnen"

ran: Gibt es etwas, das man sich von den Dänen abschauen kann?

Hanning: Die Dänen haben schon sehr viel gewonnen. Und je mehr Finals man spielt, desto öfter gewinnt man sie auch. Die Erfahrungswerte hat unsere Mannschaft inzwischen. Unser großer Vorteil ist aber ein anderer: Wir haben mit der U21 den Welthandball beherrscht. Wir waren nicht eine Liga besser, sondern um Galaxien. Diese Erfahrungen, die diese Spieler in jungen Jahren gesammelt haben, werden uns auf ein Niveau heben, auf dem wir das "goldene Jahrzehnt", das wir ausgerufen haben, auch wirklich zu einem goldenen machen können. Wir haben ja nicht gesagt, dass es ein silbernes Jahrzehnt werden soll.

ran: Es geht dabei also auch um dieses Selbstverständnis der Dänen, diese Art, aufzutreten?

Hanning: Ja: zu gewinnen. In dem Moment, in dem du anfängst zu gewinnen, entwickelst du genau dieses Selbstverständnis. Man kann gewinnen lernen. Und man kann auch lernen, Finals zu gewinnen. Das ist ein Prozess. Jedes Finale bringt dich ein Stück weiter. Und mit dem Wissen von Sonntag ist es jetzt schon ein bisschen einfacher.

ran: Alfred Gislason sagt, diese Mannschaft habe vielleicht die beste Perspektive im Welthandball. Heiner Brand nennt sie die talentierteste Mannschaft seit 50 Jahren. Wie sehen Sie die deutsche Perspektive?

Hanning: Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Dass wir mit dieser Mannschaft in der Lage sind, im Welthandball eine Spitzenposition einzunehmen, ist für mich in vielerlei Hinsicht sichtbar. Auch deshalb, weil man bei vielen anderen Nationen nicht automatisch das Gefühl hat, dass dort vergleichbares Potenzial nachkommt.

Handball-EM: Das waren die Knackpunkte

ran: Wie hat es das deutsche Team geschafft, den Abstand zur Weltspitze so deutlich zu verkleinern und nicht nur einen, sondern gleich zwei Schritte zu machen?

Hanning: Wenn man ehrlich analysiert – auch wenn das nicht jeder gern hört –, dann muss man sagen, dass wir die Hauptrunde zu großen Teilen wegen Andreas Wolff überstanden haben. Dazu kam: Wenn man einmal die Kreisläufer und Außen herausnimmt, war jeweils immer ein Rückraumspieler da, der etwas Besonderes gemacht hat. Ab dem Frankreich-Spiel, vielleicht sogar schon ein wenig gegen Spanien, haben viele Dinge deutlich besser gegriffen.

ran: Waren die Spiele die Knackpunkte?

Hanning: Spanien und Frankreich haben uns vor Aufgaben gestellt, die wir angenommen und gelöst haben. Und man kann das wirklich so sagen: Wir sind als Mannschaft gewachsen. Bei vielen Spielern war die Rollenverteilung zu Beginn des Turniers noch nicht so klar, wie sie es am Ende war. Mit diesem Wissen und mit diesen Fähigkeiten bin ich mir sicher, dass wir zu 100 Prozent auf dem richtigen Weg sind.

ran: Welche Punkte gibt es, die man sich hinsichtlich der weiteren Entwicklung notieren sollte?

Hanning: Ich finde, dass wir gerade im letzten Teil des Turniers sehr viel richtig gemacht haben. Trotzdem gibt es natürlich immer Dinge, die man noch besser machen kann, gerade mit Blick nach vorne. Wenn ich zum Beispiel sage, dass Matthes Langhoff für mich eine der Entdeckungen dieses Turniers war, dann gehört dazu trotzdem, dass seine Rolle im nächsten Schritt noch klarer definiert werden muss. Da kann man Dinge im Tempo noch besser machen. Auch im Miteinander, im mannschaftlichen Zusammenspiel, sind wir immer stärker geworden. Aber ich bin mir sicher, dass Alfred noch einige kleine Stellschrauben finden wird. Große Räder müssen wir jedenfalls nicht mehr drehen.

ran: Die Kaderbreite hat sich als große Stärke erwiesen. Wer hat Sie neben Langhoff besonders überrascht?

Hanning: Für mich sind Kiesler und Langhoff so etwas wie die Gewinner dieses Turniers. Johannes Golla war zum ersten Mal bester Kreisläufer der Welt. Er hat immer gut gespielt, aber dieses Turnier war noch einmal eine andere Dimension. Andi Wolff ist für mich der beste Torhüter der Welt, ohne jede Diskussion. Ansonsten hatten viele Spieler immer wieder wichtige Rollen. Das Potenzial von Marko Grgic ist für mich nahezu unbegrenzt, da steckt noch extrem viel drin. Miro Schluroff hat am Anfang eine Rolle gespielt, später dann nicht mehr. Juri Knorr hatte Höhen und Tiefen. Im Finale hatte man ein bisschen das Gefühl, dass er nicht über 60 Minuten durchziehen konnte. Aber immer dann, wenn er da war, war er enorm wichtig. Und Julian Köster ist vielleicht der Unauffälligste, aber aus dieser Mannschaft nicht wegzudenken. Er ist für mich so ein bisschen mein Lieblingsspieler.

ran: Gab es auch jemanden, von dem Sie mehr erwartet hätten?

Hanning: Nein. Die Mannschaft hat komplett überzeugt. Es war niemand dabei, der enttäuscht hat.

Handball-EM - Fans wüten gegen Schiris: "Dänen-Brille aufgesetzt?"

ran: Bundestrainer Alfred Gislason stand nach dem Spiel gegen Serbien stark unter Druck, hat sich aber immer vor die Mannschaft gestellt. Wie haben Sie ihn während des Turniers erlebt, wie wichtig war seine Rolle?

Hanning: Alfred hat einen großartigen Job gemacht. Es ist ihm gelungen, den Druck von der Mannschaft zu nehmen und gleichzeitig intern Leistungsdruck zu erzeugen. Er hat der Mannschaft genügend Raum für eigene Ideen und Verantwortung gegeben. Die Kunst ist immer, genau diesen Spagat hinzubekommen, und das ist ihm in diesem Turnier zu 100 Prozent gelungen.

- Anzeige -
- Anzeige -

Handball: Wie wird man noch besser?

ran: Zwölf Millionen Zuschauer sahen das Finale, das waren rund 50 Prozent Marktanteil: Hat Sie dieser Zuspruch überrascht?

Hanning: Nein. Handball ist eine deutsche Sportart. Es ist die Ballsportart Nummer zwei in Deutschland. Und das, was Handball leisten kann, kann in dieser Form keine andere Ballsportart hierzulande. Das hat dieses Endspiel eindrucksvoll gezeigt. Darauf müssen wir jetzt aufbauen und noch besser werden.

ran: Wie wird man noch besser?

Hanning: Wir haben im Handball im Grunde die "NBA des Handballs". Wir haben die Zielgruppen. Trotzdem müssen wir es schaffen, die Bundesliga noch besser an den Mann zu bringen. Wir brauchen ARD und ZDF, die haben bei der EM einen riesigen Job gemacht. Dyn hat aus meiner Sicht das beste Handballstudio geliefert, das es je gegeben hat. Jetzt geht es darum, diesen Hype zu nutzen. Nicht halbherzig, sondern zu 100 Prozent. Unser Ziel muss sein, eine Million Nutzer regelmäßig an die Bildschirme zu bekommen, die jede Woche die Bundesliga sehen wollen, die stärkste Liga der Welt. Das ist eine klare Forderung.

ran: Wie gelingt das am besten?

Hanning: Indem man professionelles Management betreibt. Da gibt es Luft nach oben, bei den Vereinen, aber auch bei der Liga insgesamt.

ran: Und abseits der Medien: Wie kann man den Hype infrastrukturell nutzen? Neue Talente, Kinder, die jetzt sagen, sie wollen Handball spielen?

Hanning: Das kommt automatisch. An Talent mangelt es in Deutschland nicht, das sieht man gerade wieder sehr deutlich. Dass Kinder jetzt Handball spielen wollen – vielleicht auch mit Blick auf eine Weltmeisterschaft im eigenen Land –, das ist ein natürlicher Effekt. Wichtig ist: Wir müssen vorbereitet sein auf den Weltmeistertitel 2027 im eigenen Land. Dafür brauchen wir jetzt einen Plan.

ran: Wie müsste dieser Plan konkret aussehen?

Hanning: Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich jetzt in unterschiedlichen Runden zusammensetzt und sich fragt: Wo wollen wir in fünf Jahren stehen? Wir haben in Deutschland in den kommenden fünf Jahren alle Chancen dieser Welt. Aber wir dürfen uns nicht mit Silber zufriedengeben. Jeder muss in seinem Bereich Gold holen wollen. Das ist nicht nur eine Aufforderung an die Mannschaft, sondern auch eine klare Anforderung an den DHB, an die HBL, an die Vereine und ebenso an die Landesverbände.

Wechsel zu ProSiebenSat.1: Neue Impulse

ran: Die WM 2027 wird bei ProSiebenSat.1 übertragen. Wie bewerten Sie diesen Wechsel?

Hanning: Ich habe dafür viel Kritik einstecken müssen, gerade aus dem öffentlich-rechtlichen Umfeld, weil ich mich so positiv dazu geäußert habe. Und ich will klar sagen: ARD und ZDF haben rund um dieses Turnier einen großartigen Job gemacht. Trotzdem glaube ich, dass Vielfalt in der Berichterstattung und ein breiteres Aufstellen dem Handball helfen können.

ran: Auch mit Blick auf neue Impulse in der Übertragung?

Hanning: Genau. Man bekommt neue Impulse, erreicht neue Zielgruppen und erschließt neue "Fan-Töpfe", wenn man so will. Das kann uns insgesamt helfen.

ran: Wie optimistisch sind Sie mit Blick auf 2027 aus sportlicher Sicht? Ist Gold realistisch?

Hanning: Gold ist vor allem eines: nicht selbstverständlich. Es kann genauso gut sein, dass man am Ende mit einer Bronzemedaille ein sehr gutes Turnier gespielt hat. Aber eines ist klar: Gold muss jetzt für uns alle der Anspruch sein.

Mehr News und Videos
Bundestrainer Alfred Gislason
News

"Selbstdarsteller": Gislason schießt gegen Kritiker

  • 02.02.2026
  • 15:37 Uhr