Teamkollegen feiern Joe Burrow nach dem Sieg in Alabama - Bildquelle: 2019 Getty ImagesTeamkollegen feiern Joe Burrow nach dem Sieg in Alabama © 2019 Getty Images

München – Ein Football-Beben ließ den College-Football am 9. November erzittern. Epizentrum: Alabama. Als dort am Abend eine johlende weiß-gelbe Spielertraube einen Mann auf ihren breiten Schultern vom Football-Feld in Richtung Katakomben trug, waren die Kräfteverhältnisse im College-Football auf den Kopf gestellt. Erstmals seit 2015 hatte Alabama im heimischen Stadion ein Spiel verloren. Ausgerechnet unter Quarterback Tua Tagovailoa, dem Topfavoriten auf die begehrte Heisman Trophy als bester College-Spieler. Gegen einen Quarterback, dem die Buchmacher vor der Saison eine Außenseiterquote von 1:200 zuschrieben. Gegen eben jenen Mann auf der Spieltertraube: Joe Burrow.

"Ich bin nur ein ganz normaler Quarterback aus Ohio", sagte der 1,93-Meter-Hühne mit dem Milchgesicht nach der Partie damals. Doch die Leistungen des Quarterbacks der Louisiana State University (LSU) gegen Alabama war alles andere als normal.

393 Passing Yards, drei Touchdowns, keine Interception, dazu 64 Rushing Yards – so viele wie für Burrow in keinem anderen Saisonspiel. Bis zu seiner ersten Incompletion dauerte es bis kurz vor der Halbzeitpause.

Burrows Head Coach fand nach dem Spiel klare Worte – und machte seinen Quarterback zum Favoriten auf die Heisman Trophy: "Ich habe keine Stimme, aber wenn ich eine hätte, würde ich für ihn stimmen." Und sie taten es.

Mit Rekordergebnis zur Heisman Trophy

Etwas mehr als einen Monat später steht Burrow wieder an der Spitze – wieder mit Fabelzahlen: In New York wird er mit der Heisman Trophy als bester College-Spieler ausgezeichnet. 1846 Stimmen liegt er vor dem Zweitplatzierten Jalen Hurts. Es ist der größte Vorsprung der Heisman-Geschichte. Aufgestellt von einem Spieler, dessen Football-Karriere 2018 schon zu versanden drohte, bevor sie richtig begann.

Damals stand Burrow am Scheideweg. Drei Jahre lang war er an der Ohio State University nur Backup. Insgesamt nur zehn Spiele absolvierte er in dieser Zeit, durfte immer nur dann ran, wenn die Starter Braxton Miller, J.T. Barrett oder Cardale Jones nicht konnten oder mussten. Und mit dem jetzigen Redskins-Quarterback Dwayne Haskins stand die nächste Nummer eins schon parat.

Burrow sah keine Zukunft mehr in seinem Heimatstaat. Dort, wo er 1996 im heruntergekommenen Athens geboren wurde, wo die Armutsquote bei über 30 Prozent liegt. "Ich will eine Person sein, auf die die jungen Leute dort schauen und sagen: 'Er ist da rausgekommen. Ich kann das auch schaffen'", erinnert sich Burrow in einem Gespräch mit dem "Bleacher Report". Doch bei Ohio State steckte er in einer Sackgasse fest. Er musste noch weiter raus. So wagte er mit damals 21 Jahren den Schritt in den Süden der USA nach Louisiana.

Fabelsaison 2019

Schon im ersten Jahr avancierte er zum Starter und führte die Franchise mit einer guten Saison zu einer 10:3-Bilanz. Mit der Titelentscheidung hatte sein Team dennoch nichts zu tun. Trotzdem herrschte Aufbruchsstimmung: Denn als kurz vor Saisonende mit Joe Brady von den New Orleans Saints ein neuer Passing Game Coordinator kam, wurde auch Burrow immer stärker.

Bradys Offensivkonzept nutzt die gesamte Breite des Spielfelds und ermöglicht es Burrow, Coverages besser zu lesen und immer wieder Optionen zu finden.

So explodierten die Zahlen des Quarterbacks 2019 geradezu: Als erster LSU-Quarterback gelangen ihm in vier aufeinanderfolgenden Spielen über 300 Passing Yards. Den LSU-Rekord für Touchdowns in einer Saison schraubte er von 28 auf unglaubliche 48. Am Ende stand er bei 4715 Passing Yards und bei einer Completion Rate von phänomenalen 77,9 Prozent – gegen Top-25-Gegner war sie mit über 78 Prozent sogar noch besser.

 

"Burreaux" ist bescheidener Publikumsliebling

Dass die LSU Tigers mit einer 13:0-Bilanz um den College-Titel spielen (die Halbfinals ab 28. Dezember live auf ProSieben MAXX und ran.de), wäre ohne Burrow undenkbar. Bei den Fans ist er ohnehin beliebt. Seine Bescheidenheit kommt gut an, ebenso, dass er vor dem Spiel mit dem Namen "Burreaux" auf dem Trikot auf das Feld kommt – in Anlehnung an die französischsprachigen Wurzeln Louisianas.

Die Rolle als Heilsbringer taugt ihm dennoch nicht. "Ich habe sie nicht gerettet, sie haben mich gerettet", sagt er über die Tigers.

Daran erinnert er auch noch einmal bei seinem bislang größten Moment – der Krönung zum besten College-Spieler des Jahres in New York. Dort richtete Burrow die letzten Worte an seinen Head Coach Orgeron: "Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Sie meiner Familie bedeuten. Ich habe drei Jahre lang nicht gespielt, ehe Sie mir eine Chance gaben – obwohl Sie nicht wussten, ob ich es packen würde."

Joe Burrow hat es gepackt. Für den NFL Draft 2020 gilt er als Topfavorit als erster Pick. Dann lässt er vielleicht auch bald die NFL erzittern.

Du willst die wichtigsten Football-News, Videos und Daten direkt auf Deinem Smartphone? Dann hole Dir die neue ran-App mit Push-Notifications für Live-Events. Erhältlich im App-Store für Apple und Android.

News-Ticker

Video-Tipps

NFL-Ergebnisse

NFL 2020 Playoffs

Aktuelle Galerien