München - War es das nun? Endet so die Ära des großen Aaron Rodgers bei den Green Bay Packers? Mit einer kaum für möglich gehaltenen 10:13-Heimpleite gegen die San Francisco 49ers in der Divisional Round?

Dabei schienen die Kalifornier in den Augen vieler Football-Fans und -Experten doch nur ins eiskalte Wisconsin gekommen zu sein, um als Sparringspartner herzuhalten. Damit sich der turmhohe Favorit warmwerfen kann für die wirklich großen Aufgaben in den Playoffs.

Gegen die Tampa Bay Buccaneers, mit denen aus der vergangenen Saison ohnehin noch eine Rechnung offen ist. Oder die Los Angeles Rams mit ihrem Traum vom Heim-Super-Bowl. Und dann im Spiel aller Spiele die Kansas City Chiefs, die Buffalo Bills oder womöglich tatsächlich die Cincinnati Bengals.

Frage nach Rodgers-Zukunft überstrahlt alles

Doch es kam alles ganz anders. Nach einer insgesamt enttäuschenden Performance - insbesondere von den Special Teams, aber auch von der Offense - war das erste Playoff-Spiel in diesem Jahr auch das letzte.

Womit rund um das Lambeau Field nun zwangsläufig eine Frage alles andere überstrahlt: Werden wir Rodgers jemals wieder in einem Packers-Trikot auf dem Football-Feld sehen?

 

LaFleur will Rodgers "weiter hier haben"

Wenn es nach Head Coach Matt LaFleur geht, ist die Sache klar: "Sicher wollen wir ihn weiter hier haben. Ich denke, wir wären verrückt, wenn das nicht der Fall wäre. Er wird zwei Mal nacheinander MVP sein. Dieser Kerl hat so viel für unser Footballteam getan."

Auch ansonsten dürfte sich in Green Bay kaum jemand finden, der sich gegen einen Verbleib des 38-Jährigen ausspricht.

Rodgers ist bei Packers unantastbar

Denn in seinen 17 Jahren für die Franchise hat sich der "Gunslinger" zu einer Ausnahmeerscheinung entwickelt. Dank seiner Passpräzision, die ihresgleichen sucht, und seines Führungsstils auf dem Platz, an dem auch junge Head Coaches wachsen können.

Rodgers ist weit mehr als das Gesicht des Teams. Längst unantastbar.

Und das weiß er natürlich auch. Wie die vergangene Offseason offenbarte.

Als der Quarterback das Front Office um General Manager Brian Gutekunst öffentlich am Nasenring durch die Manege zerrte, mit Trade oder gar Karriereende drohte, um nach wochenlangen Querelen doch zurückzukehren und den Bossen in einer aufsehenerregenden Pressekonferenz mal so richtig die Meinung zu geigen.

Love-Draft schien nur kurz an Rodgers' Status zu kratzen

Fortan wurden ihm sämtliche Wünsche von den Lippen abgelesen. So wurde überdeutlich, wer in Green Bay derzeit das Sagen hat. Immerhin mussten sich die Entscheidungsträger nicht öffentlich für den Draft von Jordan Love entschuldigen. Ein Move, der am Status der Nummer zwölf zu kratzen schien. Schnee von gestern.

Ja, Rodgers ist längst allmächtig, für einige vielleicht sogar heilig. In der Franchise, die immerhin schon Bart Starr und Brett Favre hervorgebracht und mehr Titel als jedes andere NFL-Team gewonnen hat.

Impf-Posse schadet Rodgers nicht

Daran änderte auch die Posse um seinen Immunstatus nichts. Geimpft ist Rodgers nicht, das wurde aber erst nach einem positiven Test Mitte der Saison deutlich. Vorher hatte er Privilegien genossen, wie sie nur NFL-Spielern zustehen, die vor schweren Covid-19-Verläufen geschützt sind. Fälschlicherweise also.

Von der Liga wurde er wegen regelmäßigen Verstößen gegen das Covid-Protokoll lediglich mit einer Geldstrafe von 14.650 US-Dollar belegt. Fraglich, ob viele andere Profis so glimpflich davongekommen wären.

Rodgers ließ obendrein noch zahllose wirre Corona-Aussagen folgen, die besser unausgesprochen geblieben wären. Die große Mehrheit der Fans feierte ihn dennoch weiter, als wäre nichts gewesen. Auch aus diesem Theater ging er also gestärkt hervor.

Es wurde vielmehr einmal mehr klar: Mit Rodgers will es sich niemand verscherzen. Nicht die NFL. Schon gar nicht die Packers.

Rodgers will vor Free Agency über Zukunft entscheiden

Daher entscheidet letztlich nur einer, ob es für Rodgers in Green Bay weitergeht: Rodgers selbst. Mit 37 Touchdown-Pässen bei vier Interceptions konnte er seine vergangene MVP-Saison zwar nicht toppen, aber der Preis als bester Spieler der Regular Season sollte zum vierten Mal in seinem Trophäenschrank landen.

Noch im Moment der größten Enttäuschung erklärte der zehnmalige Pro Bowler zu seinen Plänen: "Ich denke nicht, dass wir direkt nach dem Spiel darüber reden sollten. Ich werde mir einige Zeit nehmen und Gespräche mit den Leuten hier führen, um dann eine Entscheidung zu treffen - natürlich vor der Free Agency und allem, was damit zusammenhängt."

Eine Hängepartie soll es also nicht werden. Bis Anfang März müsste Rodgers die Hosen runterlassen, will er seinen Worten Taten folgen lassen.

Rodgers hatte "nettes Wochenende" geplant

Zugleich verdeutlichte der gebürtige Kalifornier, den das Aus gegen die 49ers wegen seiner Herkunft doppelt geschmerzt haben dürfte, dass er nicht annähernd mit diesem Saisonende gerechnet hätte: "Das ist sicher ein bisschen schockierend. Ich hatte darauf gehofft, ein nettes Wochenende im Hinblick auf das NFC Championship Game zu haben, die weitere Zeit bis dahin zu genießen und dann über einige Dinge nachzudenken. Also habe ich den Moment noch gar nicht richtig verdaut."

Was für die gesamte Franchise ebenso gelten dürfte. Denn bislang war die Saison, abgesehen von kleinen Ausrutschern, bestens gelaufen. Zudem kamen rechtzeitig zum Playoff-Einstieg viele lange verletzte Starter zurück. Es schien alles bereitet für einen tiefen Run.

Packers stehen wohl vor Umbruch

Doch stattdessen könnte auf die Packers nun ein großer Umbruch warten. Wie "ESPN"-Reporter Adam Schefter berichtet, wird das Team mit der Hypothek in die Free Agency starten, 44,8 Millionen US-Dollar über dem Salary Cap zu liegen. Da müsste also erstmal fleißig umstrukturiert oder ausgemistet werden.

Rodgers, der seine eigene Leistung gegen San Francisco "frustrierend" fand, stellte bereits klar: Für einen Rebuild steht er nicht zur Verfügung. Denn angesichts seines Alters will er kein Jahr quasi abschenken, sondern in jedem Fall direkt den nächsten Angriff auf den Super Bowl unternehmen. Vielleicht ja tatsächlich an einem anderen Ort. Fast jeder Konkurrent würde ihn zweifellos mit Kusshand nehmen.

Rodgers resümiert seine Zeit bei den Packers

Sein noch zwei Jahre gültiger Vertrag könnte nach dieser Saison vorzeitig beendet werden. Die Ära also zumindest in dieser Hinsicht relativ geräuschlos enden.

Einige Sätze klangen denn auch schon nach Abschied. "Ich bin sehr stolz darauf, was ich hier erreicht habe. Sehr dankbar für die vielen Jahre in der Organisation und die unglaublichen Teamkollegen und Coaches, die ich in dieser Zeit hatte", resümierte Rodgers die 17 Saisons mit vielen Höhen und deutlich weniger Tiefen und wurde sentimental: "Das ist Teil des Vermächtnisses, der Freundschaften und der Erinnerungen auf und neben dem Feld."

Warme Worte an einem bitterkalten Abend, der sich durch das jähe Saisonende für Green Bay noch frostiger anfühlte. Es wären Abschiedsworte, die einer besonderen, wenn auch zuletzt nicht immer einfachen, sportlichen Beziehung zwischen einem Klub und seinem Superstar absolut gerecht würden.

Von daher hätte Rodgers den Ball perfekt aufgelegt. Wie so oft in den vergangenen 17 Jahren.

Marcus Giebel

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