Von Andreas Reiners

München - Viele nette Worte. Respektsbekundungen. Umarmungen. Und Emotionen. Immer wieder Emotionen.

Für Sebastian Vettel war es ein außergewöhnliches Rennwochenende. Es war sein letztes in der Formel 1. Vorerst?

Helmut Marko brachte es auf den Punkt. "Man sieht bei seinem Abschied, welche Lücke er hinterlassen wird", sagte der frühere Vettel-Förderer. Da standen die anderen Fahrer gerade Spalier für Vettel, der seine Karriere in der Königsklasse mit dem finalen Saisonrennen in Abu Dhabi beendet hat.

Schluss. Aus. Vorbei. 

"The Final Lap", wie es Vettel auf seinem Helm nannte, endete mit einem zehnten Platz. Ein Abschiedspunkt. Dass sein Team mit einer verkorksten Strategie seinen letzten Auftritt "abrundete", steht sportlich sinnbildlich für die letzten Jahre. Einmal mehr stellte man sich unweigerlich die Frage: Was wäre mit einem besseren Auto, in einem besseren Team in den letzten beiden Jahren möglich gewesen? 

Sebastian Vettel: Noch einmal Fahrer des Tages

Und wieder waren da jede Menge Emotionen. 56 Prozent wählten ihn zum Fahrer des Tages. Die Tribüne jubelte, klatschte. Er fühle sich leer nach diesem Wochenende, gab er zu.

Eine Ära endet nach 299 Rennen, 53 Siegen und vier WM-Titeln. Und der Deutsche wird fehlen. Sportlich, als immer noch talentierter Lenkrad-Künstler. Aber auch als Mensch, als Persönlichkeit, als Typ, als Mahner, Kritiker.

Vettel war immer ein wohltuender Gegenentwurf zur oberflächlichen Formel-1-Glitzerwelt, zum selbstverliebten Social-Media-Jahrgang, zur Generation "Ich". Ein bisschen Old School, im positiven Sinne, trotzdem immer auf der Höhe, was die wichtigen gesellschaftlichen Themen angeht. 

Er hat sich den Mund nicht verbieten lassen, kritisierte, diskutierte, und legte sich dabei auch mit der Formel 1 an, hielt ihr den Spiegel vor, argumentierte auch selbstkritisch, um etwas zu bewirken, zu verändern, voranzubringen. Typen wie er sind selten geworden heutzutage, in der Formel 1, im Sport.

Vettel wird fehlen, das hat nicht erst Abu Dhabi gezeigt. Eine ganze eigene Energie habe das Rennwochenende gehabt, erzählte Vettel, "diese guten Vibes waren etwas ganz eigenes". Der Respekt, der ihm entgegengebracht wurde, ob durch Fahrer, Verantwortliche oder Fans, war in der Tat riesig und ist in der Form selten.

Sebastian Vettel: Ein Hintertürchen bleibt offen

Der Rennserie täte es gut, jemanden wie Vettel weiter an Bord zu haben, egal in welcher Funktion. Dem deutschen Motorsport fehlt nun ein Zugpferd, ein Vorbild, wegen dem Kinder mit Motorsport anfangen. Und den Fans jemand, wegen dem sie einschalten. Die sportliche Lücke, die klafft, ist groß. Denn hinter Mick Schumacher, der 2023 ebenfalls nicht in der Startaufstellung stehen wird, und seinem Haas-Nachfolger Nico Hülkenberg kommt lange nichts.

Doch ein Hintertürchen bleibt offen, ein Comeback hatte Vettel ausdrücklich nicht komplett ausgeschlossen. Kumpel Lewis Hamilton glaubt sogar: "Du kommst sicher zurück." Bleibt also die Hoffnung, dass Vettel die Formel 1 schnell wieder fehlen wird. 

Wie sehr er selbst vermisst wird, weiß er ja jetzt.