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Olympia 2026 - Skisprung-Legende Jens Weißflog übt Kritik: "Haben wir in Deutschland noch den Leistungsanspruch?"
- Aktualisiert: 23.02.2026
- 15:41 Uhr
- Tobias Wiltschek
Skisprung-Legende Jens Weißflog spricht bei ran über das deutsche Abschneiden bei Olympia 2026. Beim Blick in die Zukunft stellt der mehrmalige Olympiasieger eine grundsätzliche Frage.
Das Interview führte Tobias Wiltschek
Achtmal Gold, zehnmal Silber und achtmal Bronze. Das ist die Medaillenbilanz der deutschen Athleten bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina.
Im Vergleich zur Ausbeute bei den Spielen vor vier Jahren fehlt Team D zwar nur einmal Edelmetall. Doch in Peking holte es immerhin vier Goldmedaillen mehr.
Zudem fast alle Olympiasiege von Rodlern und Bobpiloten gefeiert. Außerdem holte Deutschland 14 vierte Plätze – so viele wie keine andere Nation.
Für den dreirmaligen Olympiasieger Jens Weißflog sind diese vierten Plätze nicht per se als Misserfolg zu bewerten. Im Interview mit ran sagt er aber auch: "Platz vier ist zwar nur knapp an einer Medaille vorbei, zählt aber nicht."
Insgesamt zieht der 61-Jährige eine durchwachsene Bilanz der deutschen Olympia-Leistungen. Mit Blick auf die Spiele in vier Jahren stellt er eine grundsätzliche Frage.
Olympia: Abschlussfeier ist ein "Fiebertraum"
ran: Herr Weißflog, im Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele landete Deutschland mit achtmal Gold, zehnmal Silber und achtmal Bronze auf Platz fünf. Wie sieht Ihre Olympia-Bilanz aus deutscher Sicht aus?
Jens Weißflog: Viele Erlebnisse und viele vierte Plätze (lacht). Ich war beim Langlauf der Frauen und bei Wettbewerben im Skispringen. Platz vier ist zwar nur knapp an einer Medaille vorbei, zählt aber nicht. Für den Sportler selbst kann es ein sehr guter Erfolg sein, auch wenn es in dem Moment nicht zu einer Medaille gereicht hat. Das muss man auch differenziert sehen. Insgesamt ist nicht alles zufriedenstellend.
Weißflog: Abbruch des Super-Team Springens war eine Farce
ran: Gibt es Sportarten, von denen sie enttäuscht waren?
Weißflog: Der Deutsche Skiverband hat sich sicherlich mehr erhofft. Die Goldmedaille im Skispringen deckt vieles ab, wobei man mit den vierten Plätzen im Mixed und Super Team nahe dran gewesen ist. Dort hat man sicherlich eine Medaille erwartet. Aber von Enttäuschung kann man da nicht sprechen. Es spielen viele Dinge an so einem Tag eine Rolle. Beim Mixed hatte man es selbst in der Hand und hat es nicht geschafft. Das muss man auch auf die eigene Kappe nehmen. Im Super Team war mehr drin, wenn man den Wettkampf durchgezogen hätte (Deutschland lag im dritten Durchgang auf Medaillenkurs, Anm. d. Red.).
ran: Hätte man den abgebrochenen dritten Durchgang trotz der widrigen Verhältnisse durchziehen müssen?
Weißflog: Jeder Weltcup wird bei solchen Bedingungen eine halbe Stunde lang unterbrochen. Dass man den Wettbewerb abgebrochen hat, war eigentlich eine Farce.
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ran: Einen Großteil der Medaillen holten die Rodler und Bob-Piloten. Was wird in diesen Bereichen besser gemacht als bei den anderen Sportarten?
Weißflog: Es gibt kein anderes Land, was eine derart große Menge an Bahnen hat. Das sticht schon heraus. Aber auch was Sprungschanzen angeht, ist Deutschland super aufgestellt. Da ist eher die Frage, hat man genügend Nachwuchs und genug Interesse an dieser Sportart.
ran: Ein Beispiel für den Erfolg der deutschen Rodlerinnen und Rodler ist Julia Taubitz, die aus Ihrer Gegend stammt.
Weißflog: Ja. Sie wird Olympiasiegerin, auch wenn wir in Oberwiesenthal gar keine eigene Bahn haben. Deshalb trainiert sie seit Jahren schon in Oberhof. Auch andere Rodler betreiben einen großen Aufwand, um beispielsweise in Altenberg trainieren zu können. Man schafft es immer wieder, Leute an die Weltspitze zu bringen.
Olympia: Weißflog kritisiert deutsches Leistungssportkonzept
ran: Felix Neureuther forderte zuletzt, dass sich die Politik mehr um den Sport kümmern und ihn finanziell besser unterstützen sollte. Ist das auch Ihre Meinung?
Weißflog: Da stimme ich absolut zu. Wir werden mit noch mehr Kürzungen im Sportbereich nicht mehr Medaillen erreichen können. Wir hatten ein Leistungssportkonzept nach dem anderen gehabt in den letzten Jahren. Ich gehe aber nicht davon aus, dass die finanziellen Mittel mehr geworden sind. Es läuft immer mehr auf Zentralisierung hinaus. Einzelne Standorte werden geschlossen. Das heißt aber auch, dass in deren Umfeld immer weniger passiert. Die Zuliefervereine werden dann kaum noch die Motivation haben, weiterzuarbeiten.
ran: Was muss konkret getan werden, um die Bilanz in vier Jahren wieder etwas aufzubessern?
Weißflog: Das ist eine sehr tiefgreifende Frage, die auch unsere Gesellschaft beantworten muss. Haben wir noch Kinder und Jugendliche, die sich für den Sport begeistern – auch für Leistungssport? Oder gibt es dort mittlerweile einfach andere Prioritäten? Haben wir insgesamt in Deutschland noch den Leistungsanspruch? Der fehlt mir insgesamt ein bisschen. Wenn bei den Bundesjugendspielen die ersten Plätze nicht mehr so stark belohnt werden, beginnt das Thema ja eigentlich schon. Da entfernen wir uns schon vom Leistungsprinzip.