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Deutscher NFL-Spieler Julius Welschof im Interview: Was den Pittsburgh Steelers zum Contender fehlt
- Aktualisiert: 24.10.2025
- 17:08 Uhr
- Andreas Reiners
Wie tickt Aaron Rodgers? Was fehlt den Pittsburgh Steelers zum Contender? Und wie sieht die Entwicklung bei Julius Welschof aus? Unter anderem darüber haben wir mit dem Deutschen gesprochen.
Das Interview führte Andreas Reiners
Russell Wilson. Und Aaron Rodgers. Echte Legenden.
Keine Frage: Julius Welschof hat in seiner kurzen NFL-Karriere bereits große Quarterbacks kennengelernt. Von Rodgers berichtet der Deutsche im ran-Interview nur Positives.
"Er ist total entspannt. Wenn er mich sieht, sagt er immer: 'Hello, my German Friend.' Er nimmt sich Zeit, mit jedem zu sprechen, will jeden kennenlernen. Ein Super-Typ", sagte Welschof und verriet, dass der 41-Jährige aber auch mal laut werden kann, wenn es nicht läuft.
Aktuell läuft es für die Steelers, die vor dem Sunday Night Game gegen die Green Bay Packers bei 4:2 stehen. Und auch für Welschof, der im Practice Squad weiterhin auf seine Chance wartet.
Über seine Situation spricht er im Interview ebenso wie über Seitenhiebe von Superstars wie T.J. Watt, einen neuen Umgangston, Probleme in der Defense und darüber, was den Steelers noch zum Contender fehlt.
Das Wichtigste in Kürze
Welschof bei den Steelers: "Immer noch zufrieden"
ran: Julius Welschof, Sie stehen weiterhin im Practice Squad der Steelers. Enttäuscht, dass es noch nicht für den 53-Mann-Kader gereicht hat oder immer noch zufrieden?
Julius Welschof: Ich bin ehrlich: Ich bin immer noch zufrieden. In einem NFL-Team zu spielen, ist etwas ganz Besonderes – egal, ob man im Practice Squad ist oder im aktiven Kader. Natürlich hat jeder Sportler Ehrgeiz und das Ziel, irgendwann den nächsten Schritt zu machen. Aber enttäuscht bin ich auf keinen Fall. Ich sehe es als Privileg, Teil dieser Organisation zu sein.
ran: Wie knapp war es denn, in den finalen 53-Mann-Kader zu kommen?
Welschof: Ganz genau weiß man das eigentlich nie. Am sogenannten "Cut Day" wird dir gesagt, dass du zunächst entlassen wirst, aber dass das Team dich direkt wieder für das Practice Squad einplanen will. Danach hat man 24 Stunden Zeit, in denen andere Teams einen claimen können – also in ihren aktiven Kader holen. Wenn das nicht passiert, bist du Free Agent und kannst vom eigenen Team oder einem anderen fürs Practice Squad verpflichtet werden. Es ist ein verrückter Tag und Prozess.
ran: Fühlen Sie sich in Pittsburgh weiter wohl?
Welschof: Ja, auf jeden Fall. Ich bin jemand, der in einem neuen Umfeld erstmal Zeit braucht, um wirklich er selbst zu sein. Aber jetzt, nach einem Jahr, kenne ich viele Leute, habe Vertrauen aufgebaut und bin deutlich entspannter. Ich kann Fragen stellen, ohne groß zu überlegen, ob sie "dumm" klingen. Ich fühle mich inzwischen sicherer, auch selbstbewusster im Umgang mit Coaches und Mitspielern.
ran: Wie sehr nervt diese ständige Ungewissheit, das Wissen, dass sich alles täglich ändern kann?
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Welschof: Man versucht, sich daran zu gewöhnen, aber es ist nie einfach. Du siehst ständig Leute gehen. Und oft hat es gar nichts mit Leistung zu tun. Manchmal wird jemand entlassen, weil sich ein anderer verletzt hat und ein Rosterplatz frei werden muss. Das ist hart, weil man sich mit vielen auch persönlich versteht und dann sind sie von heute auf morgen weg. Es bleibt immer ein komisches Gefühl. Ich habe vielleicht das Glück, dass ich als internationaler Spieler eine etwas andere Perspektive habe. Aber trotzdem ist es immer ein Weckruf. Wenn du siehst, wie andere plötzlich ohne Job dastehen, teilweise mit Familie und Kindern, dann wird dir bewusst, wie fragil das Ganze ist. Deshalb bin ich dankbar, jeden Tag trainieren und Teil eines NFL-Teams sein zu dürfen. Das ist alles andere als selbstverständlich.
ran: Ist das die berühmte Schattenseite des NFL-Geschäfts?
Welschof: Das ist die Kehrseite der Medaille. Ich weiß nicht, ob es viele Sportarten gibt, in denen du zwar einen Vertrag hast, der aber nicht automatisch Sicherheit bedeutet. Außer du bist einer der Topstars mit einem Multimillionen-Deal wie T.J. Watt zum Beispiel. Aber die meisten kämpfen wirklich jeden Tag darum, im Team zu bleiben. Viele denken: "NFL-Spieler? Der muss Millionen verdienen." Das stimmt für den Großteil aber nicht, vor allem nicht für Practice-Squad-Spieler. Und die Job-Sicherheit ist quasi nicht vorhanden. Das ist die harte Realität.
Pittsburgh Steelers: Welschof will coachable bleiben
ran: Sie haben zuletzt gesagt, dass Sie im zweiten Jahr bei den Steelers nicht dieselben Fehler machen wollen wie im ersten. Welche waren das konkret?
Welschof: Es waren viele kleine Dinge. Wenn man in einer neuen Defense ist, kann es in hektischen Situationen schnell passieren, dass man mal einen Spielzug verwechselt oder auf der falschen Seite reagiert. Details, die auf dem Niveau sofort bestraft werden. Dazu kommt: Ich schaue mir jeden Tag Tape an, will coachable bleiben und an meinen Schwächen arbeiten. Wenn mir ein Coach etwas mitgibt, dann versuche ich, das sofort umzusetzen, damit der gleiche Fehler im Spiel eben nicht wieder passiert. In der NFL ist der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Play oft minimal. Du kannst deinen Job machen, aber manchmal willst du noch mehr machen, und das birgt dann ein Risiko.
ran: Inwiefern?
Welschof: Wenn du zum Beispiel aggressiv auf den Sack gehst, ihn aber verpasst, kann daraus auch mal ein 20-Yard-Run entstehen. Ich versuche deshalb, Vertrauen zu meinen Coaches aufzubauen, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren und sie zu erfüllen. Auch wenn das manchmal bedeutet, dass ein anderer am Ende den Tackle oder Sack bekommt.
ran: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Entwicklung bislang?
Welschof: Insgesamt bin ich zufrieden. Dieses Jahr war es ein Stück weit auch mental, weil ich nach meiner Knieverletzung wieder lernen musste, dem Knie voll zu vertrauen. Das war ein Einfluss, den ich letztes Jahr nicht hatte. Klar, letztes Jahr hatte ich zwei Sacks mehr, aber so etwas hängt stark von den Spielsituationen ab. Wenn ein Quarterback den Ball sehr schnell loswird oder ein Team viel läuft, bekommst du weniger Gelegenheiten.
ran: Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man einen Sack landet?
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Welschof: Das kommt darauf an, wie sauber er ist. Wenn es ein klarer Sack ist – also du bist wirklich direkt da – ist das ein großartiges Gefühl. Beim ersten Mal ging alles so schnell, dass ich gar nicht sicher war, ob ich ihn wirklich zu Boden gebracht hatte. Meistens realisiert man das erst, wenn plötzlich alle auf dich zustürmen und jubeln. Bei einem Sack versuche ich immer noch, den Ball rauszuschlagen, weil das bei uns im Training sehr stark betont wird. Der Coach hat’s danach im Team-Meeting nochmal hervorgehoben. Das war natürlich cool.
ran: Was sagen die Coaches zu Ihrer Entwicklung – woran müssen Sie noch arbeiten?
Welschof: Bei mir geht’s oft darum, noch besser zu antizipieren, also das Timing mit dem Snap des Balles zu perfektionieren. Wenn du die Cadence des Quarterbacks irgendwann kennst, kannst du deinen Get-Off besser timen. T.J. Watt sagt immer: "Ein guter Pass-Rush beginnt mit einem guten Get-Off." Und genau das ist ein Punkt, auf den ich mich stark fokussiere.
ran: Ändert sich im zweiten Jahr der Umgangston von Trainern oder Mitspielern?
Welschof: Ja, auf jeden Fall. Es hängt aber auch davon ab, wie man sich entwickelt. Es gibt Spieler, die machen selbst nach Jahren noch dieselben Fehler und dann wird der Ton schon deutlich rauer. In der NFL ist der Konkurrenzdruck enorm hoch, und da reicht es irgendwann nicht mehr, wenn man immer wieder dieselben Dinge falsch macht. Da ist dann Schluss mit "Coaching", dann wird knallhart gecuttet.
ran: Was sind für Sie die größten Unterschiede im Vergleich zur Rookie-Saison?
Welschof: Die Erwartungen steigen. Als Rookie bekommst du vielleicht hier und da noch ein bisschen Welpenschutz, aber im zweiten Jahr gilt das nicht mehr. Du kennst das System, du kennst die Abläufe, also erwartet man, dass du professionell arbeitest und deine Aufgaben verinnerlicht hast. Die margin for error ist also deutlich kleiner. In der NFL sieht man das ständig: Ein Running Back verliert in einem entscheidenden Moment den Ball und in der Woche darauf ist er nicht mehr da.
ran: Sie können von Topstars wie T.J. Watt, Alex Highsmith und Nick Herbig lernen. Wie wertvoll ist das?
Welschof: Vor allem im Camp bekommt man viel mit. T.J. gibt zum Beispiel Tipps beim Alignment – wenn ein O-Liner das Knie weiter eindreht, könnte das ein Pass sein. Solche Details siehst du anfangs gar nicht, aber das sind die Dinge, die er ständig erkennt und nutzt. Das sind Lernmomente, die enorm wertvoll sind. Wie auch die Vorbereitung der erfahrenen Spieler auf die Spiele. Ich glaube, viele unterschätzen, wie viel Theorie in der NFL dazugehört. Du hast oft mehr Meetings als tatsächliches Training am Tag.
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ran: Entwickeln sich dabei auch Freundschaften?
Welschof: Ja, auf jeden Fall. Mit der Zeit fühlst du dich wohler, lernst die Jungs besser kennen. Man bringt dann auch mal einen Spruch, einen Witz – das gehört dazu. Mit Payton Wilson verstehe ich mich besonders gut. Wir sind zusammen als Rookies gekommen, da entsteht automatisch eine besondere Verbindung. Aber auch in meiner Positionsgruppe habe ich viele, mit denen ich oft zusammen bin: T.J. Watt, Nick Herbig, Jack Sawyer, Alex Highsmith und Cam Heyward. Wir verbringen viel Zeit zusammen, da entstehen viele kleine Gespräche, Späße.
ran: Das sind am Ende aber auch Konkurrenten. Gibt es da keine Rivalität oder Psychospielchen?
Welschof: Natürlich kämpft jeder um seinen Platz, aber es bleibt professionell und oft sogar humorvoll. Wenn wir zum Beispiel Film schauen und einer von uns "gechipt" wird und auf dem Boden landet, dann wird das sofort kommentiert. Da kommt dann ein Spruch wie: "Hey, ich hab auch einen Clip von dir!". Da gibt es kein böses Blut.
ran: Sie haben bereits zwei Quarterback-Legenden erlebt. Erst Russell Wilson, jetzt Aaron Rodgers. Wie ist es, mit solchen Spielern zu arbeiten, und was macht Rodgers als Anführer aus?
Welschof: Man merkt sofort, dass er extrem viel Erfahrung hat. Rodgers hat eine unglaubliche Präsenz, ist selbstbewusst, direkt und ehrlich. Wenn etwas nicht läuft, spricht er es ohne Umschweife an. Ich finde das sehr gut, weil in der NFL alles schnell geht. Du hast oft nur drei, vier Tage, um dich auf ein Spiel vorzubereiten. Da ist keine Zeit für lange Diskussionen oder falsche Rücksicht. Gerade in der Offense ist das Zusammenspiel zwischen Quarterback, Receivern und Running Backs entscheidend. Ich bin selbst eher ein ruhiger Typ, aber ich mag diese direkte Art. Wenn jemand sagt, was gut war oder was nicht passt, hilft das am meisten. Ego muss da jeder ausschalten können. Am Ende zählt nur eines: zu gewinnen.
ran: Es geht bei Rodgers verbal also auch mal rund?
Welschof: Ab und zu, ja – aber immer mit Grund. Es ist nie respektlos oder überzogen, eher eine klare Ansage im richtigen Moment. Wenn dann am Wochenende ein Touchdown gelingt, weiß man, warum diese Direktheit wichtig war.
ran: Russell Wilson oder Aaron Rodgers – wer ist der Bessere?
Welschof: Schwierige Frage, aber aktuell würde ich sagen: Aaron Rodgers. Russell Wilson war in seiner Prime unglaublich beweglich und hat viel über seine Beine gemacht. Das hat ihn damals ausgezeichnet, aber das verändert sich natürlich mit dem Alter. Rodgers war nie dieser Läufer-Typ, ähnlich wie Tom Brady. Und ich glaube, genau das ist einer der Gründe, warum er so lange auf Topniveau spielt: Er musste sein Spiel nicht groß umstellen. Deshalb würde ich heute sagen: Rodgers ist der bessere Quarterback. Aber beide sind auf ihre Art Ausnahmespieler.
ran: Wie erleben Sie Rodgers persönlich, auch abseits des Spielfelds?
Welschof: Er ist total entspannt. Wenn er mich sieht, sagt er immer: "Hello, my German Friend." Er nimmt sich Zeit, mit jedem zu sprechen, will jeden kennenlernen. Ein Super-Typ.
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ran: Im Sunday Night Game warten die Green Bay Packers. Was ist drin für die Steelers in dieser Saison?
Welschof: Wir hatten gerade erst ein Meeting dazu. Es gibt eine klare Statistik: Immer wenn ein gegnerischer Running Back über 100 Yards gegen uns gemacht hat, haben wir verloren. Das zeigt, woran wir arbeiten müssen: Unsere Run-Defense muss dominanter werden. Wenn wir den Lauf stoppen, öffnen sich automatisch Chancen im Pass Rush. Wenn wir den gegnerischen Run nicht stoppen können, wird es schwer für uns, zu gewinnen.
Steelers: Das fehlt noch zum Contender
ran: Ist es das, was den Steelers zu einem Contender noch fehlt?
Welschof: Ich glaube, wir haben definitiv die Spieler und die Coaches dafür. Das Potenzial ist da, keine Frage. Jetzt geht es darum, dass alle Zahnräder ineinandergreifen – Offense, Defense, Special Teams. Manchmal läuft eine Seite überragend, die andere erwischt keinen perfekten Tag. Wenn du aber dauerhaft um den Super Bowl mitspielen willst, muss an einem Spieltag alles passen. Das ist das Ziel: Dominanz in allen drei Phasen. Und natürlich gehört auch Glück dazu, vor allem, was Verletzungen angeht. Bleibst du als Team gesund, hast du eine echte Chance.
ran: Die Playoffs sind aber Pflicht, oder?
Welschof: Ja, absolut. Ich denke, das ist auch der Anspruch in Pittsburgh – von den Fans, von der Organisation und auch von uns selbst. Alles andere wäre eine Enttäuschung.
ran: Da die Defense zuletzt in der Kritik stand: Öffnet das vielleicht auch Chancen für Sie?
Welschof: Ich sehe das realistisch. In der NFL spielen die Jungs, in die am meisten investiert wurde. Es wird alles dafür getan, dass die Topverdiener performen. Da sagt keiner: "Lasst mal den Practice-Squad-Spieler ausprobieren." Natürlich hoffe ich, irgendwann meine Chance zu bekommen, aber ich denke da nie egoistisch. Mir ist wichtiger, dass das Team erfolgreich ist. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt – sei es durch Rotation, Verletzungen oder andere Umstände – dann bin ich bereit.
ran: Sie sind jetzt 28. Wie planen Sie in Ihrer Situation die mittelfristige sportliche Zukunft – oder lassen Sie das auf sich zukommen?
Welschof: Eher auf mich zukommen. In der NFL bringt zu viel Planerei wenig, weil am Ende doch alles anders kommt. Anders als in der Bundesliga bedeutet ein Dreijahresvertrag hier nicht automatisch drei Jahre Sicherheit. Ich habe damit kein Problem, ich habe aber auch keine andere Wahl. Wenn ich jetzt anfangen würde, mir den Kopf zu zerbrechen („Wo bin ich nächstes Jahr? Wo wohne ich?“), macht mich das nur verrückt. Also: Schritt für Schritt und Lösungen finden, wenn Entscheidungen anstehen.
Welschof und das private Glück: Hochzeit 2027
ran: Haben Sie trotzdem eine Idee für die Zeit nach dem Football, unabhängig davon, wie lange die Karriere noch läuft?
Welschof: Die NFL bietet in der Offseason Networking-Events, an denen ich teilnehme, um Kontakte aufzubauen. Parallel mache ich meinen Master im Bereich Business, einen Teil habe ich in der letzten Offseason geschafft, in der nächsten will ich ihn abschließen. Wenn die Saison irgendwann vorbei ist, kann ich aktiver ins Networking gehen. Dazu kommen Visa-Themen: Der Wechsel zu einer Greencard kann bedeuten, dass man erst mal ein halbes Jahr nicht arbeiten darf. Deshalb gehe ich das Step by Step an.
ran: Apropos Planung: Steht der Termin für Ihre Hochzeit schon fest?
Welschof: Ja, im Juni 2027. Für Footballer gibt es nur bestimmte Monate, in denen sie wirklich frei haben. Deshalb haben wir den Juni gewählt, direkt nach den OTAs. Viele Freunde von mir sind auch in der NFL, da passt das zeitlich am besten.