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Fanausschreitungen beim Heimspiel gegen Stuttgart

Eintracht Frankfurt - "Gewaltaffine Wirrköpfe" sind der Makel einer Kurve

  • Aktualisiert: 28.11.2023
  • 12:19 Uhr
  • Frank Hellmann
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So facettenreich und stimmungsvoll der Support bei Eintracht Frankfurt auch ist: Die immer wiederkehrenden Ausschreitungen müssen von der Fanszene und dem Verein wirkungsvoller bekämpft werden, sonst dreht sich die Spirale der Gewalt weiter.

Von Frank Hellmann

Erst seit kurzem fasst die Frankfurter Arena nach dem Umbau 58.000 Plätze. Dafür ist eigens die Nordwestkurve in eine reine Stehplatztribüne umgewandelt worden - Eintracht Frankfurt verspricht sich davon für die Zukunft einen noch stimmungsvolleren Support.

Zudem reicht die Kapazität bei Heimspielen hinten bis vorne nicht aus. So können immerhin noch einige Tausend mehr auf die Ränge.

Der rot ausgeleuchtete Stimmungstempel tief im Frankfurter Stadtwald - direkt am Autobahnzubringer und der Einflugschneise des Flughafens gelegen - wirkt wie ein Magnet.

Ein Klub, der im Herzen von Europa die Menschen anzieht wie die Motten das Licht. Aber gleichzeitig fällt hier ein Teil der Fanszene immer wieder aus der Rolle.

Nach den Vorfällen beim Bundesliga-Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (1:2) ist die Furcht groß, dass es im Conference-League-Partie gegen PAOK Saloniki (Donnerstag, ab 21 Uhr im Liveticker) gleich wieder zu Ausschreitungen kommt.

Schon das Hinspiel bei den Griechen verlief hitzig. "Wir werden das Spiel mit der gebotenen Professionalität angehen, mit Gelassenheit. Wir erwarten das aber auch vonseiten der Problemfans", sagte der Frankfurter Polizeipräsident Stefan Müller am Montag - und in seinen Worten schwang die zarte Hoffnung mit, dass sich die Gewaltspirale nicht noch weiterdreht.

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Das Wichtigste in Kürze zu Eintracht Frankfurt

Aussage gegen Aussage

Denn seit Jahren hat es nicht mehr so schwere Ausschreitungen gegeben wie am Wochenende, an dem das ohnehin zerrüttete Verhältnis zwischen der hessischen Polizei und einem Teil der Fußballfans in einen unsäglichen Gewaltexzess mündete, bei dem Ursache und Wirkung auch mit einigem Abstand nur schwer auseinanderzuhalten sind.

Traurige Bilanz: mehr als 200 Verletzte. Mehr als 100 Fans und mehr als 100 Menschen aufseiten von Polizei und Ordnungsdienst.

Wie bei einer Rauferei auf dem Schulhof steht im Grunde Aussage gegen Aussage, wer angefangen hat.

"Die Bilder haben mich sehr erschüttert. Es gibt keinen Anspruch auf einen rechtsfreien Raum. Die Polizei Frankfurt wird einen solchen auch nicht zulassen", erklärte Müller, der eine Sonderkommission eingerichtet hat.

50 Beamte werten Videos und Bilder zu den Ausschreitungen aus, bei denen Einrichtungsgegenstände aus den Toiletten, Türen und Zäune sowie Utensilien aus einem Verpflegungsstand auf die Einsatzkräfte geworfen worden sind.

Dem stehen aber auch Aufnahmen entgegen, die Polizisten mit Schlagstöcken zeigen, die Pfefferspray in Menschenmenge sprühen, in der gewiss nicht nur Gewalttäter zu finden waren.

Die Frankfurter Fanhilfe "Der 13. Mann" bezeichnete den Polizeieinsatz als völlig überzogen. "Ich habe noch nie etwas Derartiges erlebt, und ich gehe schon sehr lange zum Fußball. Ich war live dabei und habe es erlebt. Ich war geschockt. Es waren sehr viele Leute geschockt", sagte Sprecherin Ina Kobuschinki der "Deutschen Presse-Agentur".

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Ich habe noch nie etwas Derartiges erlebt, und ich gehe schon sehr lange zum Fußball

Frankfurter Fanhilfe "13. Mann" zum Vorgehen der Polizei 

Hoheitsgebiet der Ultras

Eintracht Frankfurt reagierte am Montagabend mit einer ersten Stellungnahme, die in weiten Zügen die Darstellung der Polizei stützte. Demnach wurden die Vorkommnisse durch einen Vorfall am Zugang zu Block 40 der Heimkurve ausgelöst.

Immer wieder hatten sich kleinere Gruppen durch Wegstoßen der Ordnungsdienstmitarbeiter Zutritt verschafft. Die Ultras betrachten diesen Bereich gerne als ihr eigenes Hoheitsgebiet, in dem ihre Spielregeln gelten.

Als eine Sicherheitskraft von Eintracht Frankfurt dann eine Person am Arm festhielt und zur Rede stellen wollte, "wurde er umgehend von ca. 20 Personen körperlich mit Schlägen angegriffen", hieß es. Anschließend sei die zu Hilfe gerufene Polizei aus mehreren Richtungen attackiert worden.

"Beides ist nicht zu entschuldigen", stellte Eintracht-Justiziar Philipp Reschke klar, der aber auch den Polizeieinsatz aufarbeiten will, den es "mit Blick auf Dauer und Intensität in dieser Form zuvor noch nicht im Stadion gegeben hat". Zunächst müssten "alle Seiten ihren Beitrag zur Deeskalation und Versachlichung leisten".

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"Randalemeister" Eintracht Frankfurt

Polizeipräsident Müller sprach derweil von einem "Frankfurter Problem", das nichts mit Ereignissen an anderen Liga-Standorten zu tun habe.  Denn die Liste der Verfehlungen ist längst zu lang, um darin kein Kardinalproblem des Klubs zu erkennen.

Und auch die Historie spricht dagegen, anderen den schwarzen Peter zuzuschieben. Als die Adlerträger 2011 unter dem vergeblich als Notretter angeheuerten Christoph Daum in die zweite Liga abstürzten, stürmten Chaoten beim Heimspiel gegen den 1. FC Köln den Rasen.

Am letzten Spieltag feierte sich der Frankfurter Block in Dortmund als "Randalemeister". Welch trauriges Schauspiel.

Die Funktionäre, allen voran Vorstandssprecher Axel Hellmann, haben nach dem "Abstieg der Schande" viele richtige Entscheidungen getroffen. Aber hat insbesondere der aus der eigenen Fan- und Förderabteilung aufgestiegene Jurist auch genug gegen die Krawallbrüder unter dem SGE-Dach getan?

Hellmann setzt ganz auf den Dialog, will das Tischtuch mit der organisierten Fanszene nicht gänzlich zerschneiden.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen besteht über den direkten Austausch die Möglichkeit, noch Schlimmeres wie Spielabbrüche zu verhindern. So bei den mit dem Verein abgestimmten Protesten gegen die Montagsspiele, als man mit den Fans in der Nordwestkurve beim Heimspiel gegen das unbeliebte Konstrukt RB Leipzig im Februar 2018 fast einen Doppelpass spielte, um gegen den unbeliebten Termin vorzugehen.

Mehr als 130.000 Eintracht-Mitglieder

Zum anderen gibt es aber auch wirtschaftliche Gründe: Die Eintracht ist mit Erfolgen wie dem Europa-League-Triumph 2022 und ihrer Emotionalität zu einer Marke geworden, bei der die Fans ein wichtiger Teil sind. Besonders zu besichtigen beim Coup im Frühjahr 2022 gegen den FC Barcelona, als 30.000 Frankfurter das Camp Nou bevölkerten – und sich friedlich verhielten.

Die betörende Unterstützung macht das Stadionerlebnis so besonders – zusammen mit den Erfolgen der Eintracht insbesondere im DFB-Pokal oder in den Europapokal-Wettbewerben hat die Atmosphäre inklusive gewaltiger Choreografien den Stadionbesuch enorm aufgewertet. Und umso mehr Anhänger zu einem Verein strömen, desto mehr Geld klingelt auch in der Kasse.

Die Erlöse aus Spiel-Erträgen wachsen stetig, die Mitgliederzahl hat die 130.000er-Marke längst übertroffen, Logen und Businessplätze sind ausvermarktet, Dauerkarten gar nicht mehr zu bekommen. Diese Beliebtheit reizt natürlich auch die Sponsoren.

Die Botschaft von der großen Leidenschaft des Umfelds zieht auch international. Der Uefa gefällt die Begeisterung, mit der Eintracht Frankfurt ihre Wettbewerbe angeht.

Nur: Es gab ständig Gewaltausbrüche, in Rom im Dezember 2018, in Mailand im März 2019 oder in Guimaraes im Oktober 2019. In die große Entourage, die mit der Eintracht durch Europa tourt, mischen sich immer wieder Störenfriede.

Dass der Bundesligist bald im letzten Conference-League-Spiel beim FC Aberdeen ohne Fans antreten muss, weil zuletzt in Helsinki aus dem Frankfurter Block ein Bierbecher flog und Pyrotechnik brannte, passt ins Bild.

Platzsturm vor den Augen Ceferins

Beim Europa-League-Halbfinale im Mai 2022 gegen West Ham United kam es sogar vor den Augen von Uefa-Präsident Aleksander Ceferin zu einem Platzsturm. Immer wieder gab es nur Strafen auf Bewährung.

Das Ausland reagierte zuletzt mit harten Maßnahmen: Die Umstände fürs Champions-League-Achtelfinalrückspiel in Neapel im März 2023 war ein Tiefpunkt für jede Form der Fankultur.

Was in der Frankfurter Fanszene selten anzutreffen ist: Selbstkritik und Selbstreinigungskräfte, die notorischen Chaoten mit einem Bannstrahl zu belegen, der ja nicht von lebenslanger Dauer sein muss. Aber dass sich Hunderte gewaltaffine Wirrköpfe im Zeichen des Adlers austoben, schadet dem Klub nachhaltig. Fast eine Million Euro zahlte die Eintracht in der Saison 2022/2023 an Strafen.

Es ist gut, wenn Justiziar Reschke ankündigt, jeden Stein umdrehen zu wollen, um die Ursache der Randale zu ergründen. Noch besser wäre es, einige Zeit mal diejenigen auszugrenzen, die fast wie selbstverständlich das Recht des Stärkeren für sich reklamieren.

Dass Gewalt keine Probleme löst, ist doch eigentlich in aller Welt bei ganz anderen Konflikten gerade offensichtlich.

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