Formel 1
Formel 1 startet in neue Ära - David Schumacher: "Das könnte der F1 ein Stück weit schaden"
- Aktualisiert: 06.03.2026
- 10:58 Uhr
- Andreas Reiners
Am Sonntag steigt das erste Saisonrennen der Formel 1 mit neuen Autos und neuem Reglement. Wir haben mit David Schumacher darüber gesprochen, ob die neue F1 die Fans vergrault, ob der Chefkoch das Auto fahren kann und wie sich Audi schlägt.
Das Interview führte Andreas Reiners
Die Formel 1 startet in eine neue Ära - und beim Auftakt in Australien (das Rennen am Sonntag ab 05:00 Uhr im Liveticker) werden erste Fragen beantwortet.
Wer setzt die ersten Ausrufezeichen? Wer überrascht, wer enttäuscht? Und wie spektakulär wird die Königsklasse des Motorsports mit neuen Autos und neuem Reglement? Haben die Superstars wie Max Verstappen oder Fernando Alonso mit ihrer Kritik Recht?
"Ich glaube, dass sich vor allem die erfahreneren Fahrer etwas anderes vorgestellt hatten. Sie sind mit dem gesamten Konzept offenbar nicht wirklich zufrieden, weil es die fahrerische Komponente reduziert und stärker zu einem Strategiespiel macht", sagt Ford-Pilot David Schumacher im ran-Interview.
"Wenn es am Ende hauptsächlich darum geht, wer besser Energie managt und in bestimmten Phasen anders fährt, dann rückt das, was einen außergewöhnlichen Fahrer ausmacht, etwas in den Hintergrund." Und wenn es zu viel um Strategie geht und der Zuschauer zu wenig davon mitbekommt, könne das "der Formel 1 ein Stück weit schaden", so Schumacher.
Der 24-Jährige spricht im ran-Interview zudem unter anderem darüber, ob die neue F1 die Fans vergrault, ob der Chefkoch das Auto fahren kann, wie sich Audi schlägt und ob Lewis Hamilton oder Max Verstappen das Weite suchen könnten.
David Schumacher: "Könnte einen Teil des Reizes herausnehmen"
ran: David Schumacher, wie schlimm wird die neue Formel 1? Wird sie die Fans vergraulen?
David Schumacher: Das ist schwer einzuschätzen, weil wir die Autos noch nicht im echten Renntrimm gesehen haben. Aber wenn das alles stimmt, was man von den Fahrern hört, und es am Ende hauptsächlich um Powermanagement geht, dann kann ich mir schon vorstellen, dass es schwierig wird. Normale Überholmanöver, wie wir sie aus der bisherigen Formel 1 kennen, könnten seltener werden. Stattdessen würde eher derjenige überholen, der zuvor mehr Energie gespart hat. Und das könnte natürlich einen Teil des Reizes – gerade was das direkte Racing betrifft – herausnehmen.
ran: Max Verstappen spricht von "Formel E auf Steroiden", Lewis Hamilton sagt, man brauche fast einen Uni-Abschluss, Fernando Alonso meint, das Auto könne auch ein Chefkoch fahren. Wie ordnen Sie die Kritik ein?
Schumacher: Ich glaube, dass sich vor allem die erfahreneren Fahrer etwas anderes vorgestellt hatten. Sie sind mit dem gesamten Konzept offenbar nicht wirklich zufrieden, weil es die fahrerische Komponente reduziert und stärker zu einem Strategiespiel macht. Wenn es am Ende hauptsächlich darum geht, wer besser Energie managt und in bestimmten Phasen anders fährt, dann rückt das, was einen außergewöhnlichen Fahrer ausmacht, etwas in den Hintergrund. Und ich glaube nicht, dass das etwas ist, was Fernando Alonso oder auch einen Max Verstappen langfristig in der Formel 1 halten würde.
ran: Kann denn jetzt - etwas überspitzt gefragt - wirklich der "Chefkoch" die Autos fahren oder machen die Piloten weiterhin den Unterschied?
Schumacher: Es ist immer noch ein Formel-1-Auto mit rund 1000 PS. Ich glaube nicht, dass das jeder Chefkoch einfach fahren kann. Aber ich glaube schon: Wenn man Fahrer aus anderen Kategorien in so ein Auto setzt und sie das System dahinter verstehen, dann könnte der Unterschied zwischen den Fahrern kleiner werden. Wenn es weniger darum geht, permanent ans Limit zu fahren, sondern Energie zu managen und strategisch zu denken, verschiebt sich der Fokus. Dann macht nicht mehr allein das reine Fahren den Unterschied, sondern stärker die Strategie und die Zusammenarbeit mit dem Team.
ran: Ist das zu weit weg vom klassischen Motorsport?
Schumacher: Gut möglich. Ich denke, dass es in Richtung Formel E geht – wie Max Verstappen es gesagt hat. Ich habe mit einem unserer Chefingenieure aus der GT World Challenge gesprochen, der auch in der Formel 1 und in der Formel E gearbeitet hat. Er meinte, die Formel E sei im Zusammenspiel zwischen Fahrer und Team technisch sehr spannend, aber für den Zuschauer eher schwer nachvollziehbar, weil man vieles im Hintergrund nicht mitbekommt. Und ich glaube, genau das könnte der Formel 1 ein Stück weit schaden.
ran: Spielen die Ingenieure inzwischen eine zu große Rolle?
Schumacher: Das würde ich so nicht sagen. In der Formel 1 gab es schon immer unzählige Ingenieure, die alles durchanalysieren – vor allem, was Strategie betrifft. Ich glaube nicht, dass sich das grundsätzlich verändert. Aber ich denke schon, dass der Ingenieur das Auto künftig noch stärker "lenken" wird als bisher. Man hört ja jetzt schon im Funk klare Anweisungen: "Overtake von da bis da, fünf Sekunden gedrückt halten." Solche Strategievorgaben könnten sich künftig deutlich verstärken. Diese strategischen Elemente werden vermutlich noch mehr Einfluss auf das Rennen nehmen.
Formel-1-Debatten: Interessiert das die Fans?
ran: Interessiert das die Fans am Ende überhaupt – diese Debatten um Energiemanagement, Software und Strategien? Oder ist das vor allem ein Thema im Fahrerlager?
Schumacher: Im Fahrerlager ist es auf jeden Fall ein großes Thema. Wie die Fans das aufnehmen, wird sich zeigen. Entscheidend ist, ob es der Formel 1 gelingt, die Rennen spannend zu gestalten. Das war in den vergangenen Jahren immer wieder ein Thema. Ich finde, die Formel 1 ist da schon gute Schritte gegangen. Auch dass die Aerodynamik etwas reduziert wurde, halte ich für sinnvoll, weil die Autos dadurch wieder näher zusammenfahren können und mehr Racing entsteht. Auf der anderen Seite kommt jetzt das neue Hybridsystem dazu, das das Rennen wieder stärker in Richtung Energiemanagement verschiebt. Deshalb sollte man ein paar Rennen abwarten. Im Moment ist vieles Spekulation. Wenn das Renngeschehen am Ende spannender wird als zuvor, dann werden die Fans das auch positiv aufnehmen.
ran: Ihre Prognose: Wird es gutes Racing geben?
Schumacher: Ich glaube, es wird stark von den Strecken abhängen. Auf Kursen wie Australien oder generell auf Strecken mit vielen schnellen, fließenden Kurven könnte das Racing eher darunter leiden. Auf anderen Strecken – zum Beispiel in Monaco – könnte es wiederum besser funktionieren, weil das Energiemanagement dort andere Möglichkeiten bietet und vielleicht für mehr taktische Variation sorgt.
ran: Aus deutscher Sicht: Haben Sie die Testfahrten von Audi positiv überrascht?
Schumacher: Ich denke schon, dass Audi noch etwas Zeit braucht – für sie ist das alles neu. Trotzdem finde ich, dass sie einen mutigen Schritt gegangen sind, etwa mit den eher schmalen Sidepods, die Mercedes schon einmal versucht hat. Da bin ich gespannt, ob sie dieses Konzept beibehalten oder in Zukunft noch einmal anpassen. Insgesamt würde ich sagen, dass Audi keinen schlechten Job gemacht hat. Sie haben viele Runden gesammelt, offenbar wenig Probleme gehabt – das, was man so mitbekommen hat, war solide. Für den Auftakt war das aus meiner Sicht ordentlich.
Externer Inhalt
Formel 1: Mit Audi und Cadillac - das sind die Fahrer-Paare 2026
ran: Wo werden sie sich einreihen?
Schumacher: Ich glaube, der Saisonstart wird eher schwierig. Die Testfahrten sagen noch nicht allzu viel aus, aber wenn man sich die Resultate insgesamt anschaut, wird es wohl noch etwas dauern. Ich denke, sie sind stärker als Cadillac. Danach könnte es allerdings schon anspruchsvoll werden. Audi hat aus meiner Sicht auf lange Sicht eine gute Chance, sich in den kommenden Jahren nach oben zu arbeiten.
ran: Wie ist Audi generell aufgestellt, personell und mit Blick auf die Fahrer?
Schumacher: Hinter den Kulissen kenne ich nicht alle Details. Aber mit Jonathan Wheatley und Mattia Binotto haben sie erfahrene Leute an Bord. Das sind grundsätzlich gute Voraussetzungen. Mit Nico Hülkenberg haben sie einen Fahrer, der aus meiner Sicht deutlich mehr hätte erreichen können. Für sein Kaliber und sein Talent ist seine Karriere nicht optimal verlaufen – da war auch Pech dabei, falsche Teams zur falschen Zeit. Und mit Gabriel Bortoleto haben sie einen jungen Fahrer, der sehr gut performt. Die Kombination aus Erfahrung und Jugend halte ich für sehr stark. Ich glaube, damit ist Audi insgesamt gut aufgestellt.
Audi in der Formel 1: "Kann schnell Unruhe entstehen"
ran: Hinsichtlich des Stallduells: Vorteil Hülkenberg oder Augenhöhe mit Gabriel Bortoleto?
Schumacher: In den vergangenen Jahren hätte ich eher Hülkenberg vorne gesehen. Aber wenn sich Gabriel mit dem neuen Auto eingewöhnt und seinen Rhythmus findet, kann das durchaus auf Augenhöhe hinauslaufen.
ran: Wie groß ist die Gefahr, dass im Konzern schnell Unruhe entsteht, wenn die Ergebnisse ausbleiben?
Schumacher: Ich glaube schon, dass schnell Unruhe entstehen kann, vor allem wenn man bedenkt, was Audi dafür aufgegeben hat. Sie haben ihr großes Engagement im GT3- und Kundensport zurückgefahren, um alles auf die Formel 1 zu konzentrieren. Das ist ein großer Schritt. Da wird man genau hinschauen, wie sich das entwickelt, gerade wenn der Start nicht den Erwartungen entspricht. Ich hoffe, dass es gut läuft und sich Audi als deutscher Hersteller langfristig etabliert.
ran: Wer hat für Sie die Favoritenrolle inne?
Schumacher: Ferrari und Mercedes sind nach dem, was man bisher gesehen hat, gut aufgestellt. Ich rechne wieder mit einem engen Kampf – vielleicht sogar mit vier oder fünf Teams vorne. McLaren, Red Bull, Mercedes und Ferrari werden wohl wie in den letzten Jahren ganz vorne mitmischen.
ran: Viele sehen bei Mercedes automatisch George Russell vorne. Ihr Vater hat hingegen gesagt, dass er Kimi Antonelli sogar als den besseren Fahrer einschätzen würde, wenn er sich weiter so entwickelt. Wie sehen Sie das?
Schumacher: Da stimme ich tatsächlich zu. Ich glaube, wenn bei ihm mental alles passt und er das in den Griff bekommt, kann er stärker werden als George Russell. Davon gehe ich aus.
ran: Warum?
Schumacher: Wenn man sich sein erstes Jahr anschaut, war das für einen 18-Jährigen extrem stark, vor allem ohne die klassische Ausbildung über mehrere Jahre in der Formel 3 und Formel 2. Er hat einen sehr guten Job gemacht. Wenn seine Lernkurve so bleibt wie im vergangenen Jahr, kann man von ihm noch sehr viel erwarten.
ran: Wie wichtig ist in so einer Situation der Kopf, gerade wenn der Druck steigt und man plötzlich vorne mitfahren kann?
Schumacher: Das ist das Allerwichtigste. Der Kopf ist das A und O. Wenn mental etwas nicht passt, wirkt sich das sofort auf alles andere aus. Und dazu kommt das Selbstvertrauen. Wenn einmal etwas schiefläuft, beginnt man an sich selbst zu zweifeln und dann entsteht schnell ein Teufelskreis. Das konnte man bei Kimi Antonelli im vergangenen Jahr gut beobachten. Es lief einige Monate sehr gut, dann kamen Zweifel auf, und die Leistungen schwankten. Zum Saisonende hat er das wieder in den Griff bekommen. Wenn er sich mental weiter stabilisiert und diese Entwicklung fortsetzt, kann er ein sehr starker Fahrer werden.
Max Verstappen: Kein Wechsel, sondern Abflug
ran: Könnte Max Verstappen nach der Saison der Formel 1 den Rücken kehren? Halten Sie das für möglich?
Schumacher: Es hängt ein Stück weit davon ab, wie die Formel 1 auf die Kritik reagiert und ob für die kommenden Jahre noch Anpassungen vorgenommen werden. Max Verstappen hat selbst mehrfach gesagt, dass er nicht zwingend auf die Formel 1 angewiesen ist. Er hat viele andere Projekte, die ihm Spaß machen, und möchte auch mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, gerade jetzt mit Nachwuchs. Ich sehe durchaus die Möglichkeit, dass er sich auch anderweitig orientiert, etwa im GT3- oder Hypercar-Bereich. Das sind Rennserien, die ihn reizen. Wenn er nach der ersten Saison mit dem neuen Konzept merkt, dass es ihm keinen Spaß macht, könnte ich mir vorstellen, dass er relativ schnell eine andere Richtung einschlägt.
ran: Glauben Sie denn, dass Verstappen das Team wechseln könnte, wenn es nichts mit dem WM-Titel wird?
Schumacher: Ich sehe das bei Max nicht. Ich glaube, er wird es mit Red Bull zu Ende bringen. Wenn es irgendwann sportlich nicht mehr läuft, könnte ich mir eher vorstellen, dass er sagt: "Ich mache etwas anderes" - und sich aus der Formel 1 verabschiedet. Er hat vier Weltmeistertitel, er muss niemandem mehr etwas beweisen. Deshalb glaube ich nicht, dass er noch einmal das Team wechseln würde, sondern sich eher anders orientiert.
ran: Welche Rolle trauen Sie Red Bull in dieser Saison zu?
Schumacher: Mit Max Verstappen ist Red Bull grundsätzlich immer vorne dabei. Wenn das Auto halbwegs zu ihm passt, wird er um Siege kämpfen. Isack Hadjar ist ein sehr starker Fahrer. Aber bei Red Bull bleibt immer ein gewisses Fragezeichen. In den vergangenen Jahren sind viele Talente gekommen und teilweise auch sehr schnell wieder ersetzt worden. Man gibt den jungen Fahrern oft wenig Zeit. Für ihn ist das eine große Chance. Die Frage ist nur: Wenn es nicht sofort läuft, wie viel Geduld bringt das Team auf? Dadurch, dass Dr. Helmut Marko nicht dabei ist, könnte es sein, dass junge Fahrer etwas mehr Zeit bekommen.
Formel 1: So sieht der Rennkalender 2026 aus
ran: Lewis Hamilton wirkte vor allem zum Ende der vergangenen Saison sehr niedergeschlagen. Wie wird es für ihn laufen?
Schumacher: Hamilton war über viele Jahre bei Mercedes. Das ist eine enorme Konstanz. Wenn man dann auf ein anderes Umfeld und ein anderes Auto umstellt, ist das eine riesige Veränderung. Er ist nicht mehr der Jüngste und war lange auf eine bestimmte Fahrzeugcharakteristik eingeschossen. Letztes Jahr war sportlich extrem schwierig. Und da kommt wieder das Mentale ins Spiel. Er hat selbst gesagt, dass er an sich gezweifelt hat, und das ist für einen Rennfahrer mit das Schlimmste. Ich kenne das aus meiner eigenen Zeit: Wenn es einmal funktioniert, ist der Kopf frei und es läuft wieder. Wenn bei ihm früh ein Erfolgserlebnis kommt – vielleicht ein Top-5-Ergebnis oder sogar ein Sieg – kann das viel freisetzen. Wenn das aber ausbleibt, wird es spannend zu sehen sein, wie er damit umgeht. Und man darf nicht vergessen: Mit Charles Leclerc hat er einen extrem starken Teamkollegen. Wenn Leclerc sein bestes Niveau erreicht, ist er sehr schwer zu schlagen.
ran: Was passiert, wenn Hamilton hinter seinem Teamkollegen bleibt? Könnte er dann nach der Saison sagen: "Das war’s"?
Schumacher: Es ist viel Spekulation. Aber es ist natürlich möglich, dass er nicht komplett einbricht, aber trotzdem konstant hinter seinem Teamkollegen fährt. Ob er dann aufhört? Das könnte sein. Ich glaube allerdings, dass Hamilton extrem ehrgeizig ist. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er seine Karriere mit einem schlechten Jahr beenden möchte. Ich sehe es als 50:50-Chance: Entweder er sagt, er hat keine Lust mehr, er ist siebenmaliger Weltmeister und muss sich nichts mehr beweisen. Oder er sagt: So möchte ich nicht aufhören und macht weiter, bis er noch einmal ein gutes Jahr erlebt.
ran: Wie alarmierend ist die Lage bei Aston Martin?
Schumacher: Die Situation ist auf jeden Fall ernst. Wenn die Motorprobleme nicht gelöst werden, könnte Fernando Alonso irgendwann sagen, dass er darauf keine Lust mehr hat. Und das wäre ein großes Problem für Aston Martin. Dann bräuchte man ein anderes Top-Kaliber, um sportlich wieder anzugreifen und Lance Stroll zu stützen.
ran: Ist das Projekt gescheitert?
Schumacher: Das ist eine harte Frage. Ich kann es mir nicht vorstellen. Mit Adrian Newey haben sie einen der besten Entwickler der Welt. Wenn er es nicht hinbekommt, dann weiß ich es auch nicht. Honda hat in den vergangenen Jahren mit Red Bull mehrere Weltmeistertitel geholt. Ich glaube schon, dass sie die Probleme in den Griff bekommen werden. Vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit.