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Frauen-Fußball

DFB-Keeperin Merle Frohms exklusiv: "Wir fordern keine finanziellen Dimensionen wie die Männer, aber…"

  • Veröffentlicht: 25.01.2024
  • 22:04 Uhr
  • Oliver Jensen
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Merle Frohms ist die Torhüterin der deutschen Nationalmannschaft und vom VfL Wolfsburg. Im ran-Interview spricht die 28-Jährige vor dem Rückrunden-Start der Bundesliga über die finanzielle Situation im Frauen-Fußball, über den Einfluss von Bundestrainer Horst Hrubesch, über Hasskommentare im Internet und über Oliver Kahn. 

Von Oliver Jensen

ran: Frau Frohms, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das Jahr 2023 zurück?

Merle Frohms: Es war ein sehr ereignisreiches Jahr mit vielen Highlights. Mit dem VfL Wolfsburg standen wir im Champions-League-Finale, haben den DFB-Pokal gewonnen - und auch die Deutsche Meisterschaft war bis zuletzt spannend. Direkt danach fand die Weltmeisterschaft statt (Deutschland schied in der Vorrunde aus, Anm.d.Red.), wonach wir einiges zu verarbeiten hatten. Es ging Schlag auf Schlag – von Jubel und Partystimmung bis zum Trübsal blasen war alles dabei.

ran: Horst Hrubesch hat das Amt des Bundestrainers eingenommen und feierte mit Ihnen den Gruppensieg der UEFA Women`s Nations League, sodass Sie sich im Februar in den Playoffs gegen Frankreich für die Olympischen Sommerspiele in Paris qualifizieren können. Was genau hat Hrubesch eingebracht?

Frohms: Sehr viel Leichtigkeit und Vertrauen. Er ist ein Mensch, der ein gutes Gespür für uns Spielerinnen hat. Er erkennt ganz genau, was wir auf dem Platz brauchen, um gute Leistungen zu bringen. Er wusste, dass wir alle Qualitäten mitbringen und dass er nicht groß taktische Inhalte vermitteln muss, sondern dass wir einfach wieder die Freude am Fußball zurückbekommen müssen. Er hat zwei, drei Punkte eingebracht, die für ihn wichtig und erfolgsversprechend waren. Ansonsten hat er vor allem Kampf und Leidenschaft gefordert. Wenn wir das auf den Platz bringen, wird es für den Gegner immer schwierig, uns zu schlagen.

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Das Wichtigste im Blick

ran: Ihre Nationalmannschafts-Kollegin Elisa Senß hat kürzlich verraten, dass Sie vor einem Jahr noch als Krankenschwester gearbeitet hat. Und das zu einem Zeitpunkt, als sie bereits in der Bundesliga aktiv gewesen ist. Wie ist momentan die Situation in der Frauen-Bundesliga? Wie viele Spielerinnen können wirklich vom Fußball leben?

Frohms: Das ist ein guter Punkt, weil wir schon seit Jahren fordern, dass sich die Bedingungen in Richtung Vollprofi-Dasein verändern müssen. Nicht nur die Top-Vereine VfL Wolfsburg, Bayern München und Eintracht Frankfurt sollten ihren Spielerinnen ermöglichen, sich ganz auf den Fußball zu konzentrieren. In der gesamten Bundesliga sollte dies selbstverständlich sein – ist es aber nicht. Viele Bundesliga-Spielerinnen müssen teilweise Vollzeit arbeiten und nebenbei die Trainingseinheiten und Spiele unterkriegen.

ran: Das heißt: Sie treffen mit dem VfL Wolfsburg, bei dem alle Spielerinnen vom Fußball leben können, teilweise auf Mannschaften, deren Spielerinnen eine harte Arbeitswoche hinter sich haben…

Frohms: Das ist richtig. Wenn wir am Freitagabend oder Montagabend spielen, kann es sogar sein, dass die Spielerinnen am selben Tag noch gearbeitet haben und danach ins Stadion fahren. Die Voraussetzungen sind innerhalb der Bundesliga sehr unterschiedlich.

ran: Hatten Sie zeitweise einen Beruf neben dem Fußball?

Frohms: Ich war zwei Jahre Sportsoldatin und hatte dort auch im Januar 2021 meine Grundausbildung gemacht. Ich wurde dann freigestellt, um mich auf den Fußball konzentrieren zu können. Dies ist ein Angebot der Sportfördergruppe, um Sportler und Sportlerinnen in ihrer Karriere zu unterstützen. Aber das Dienstverhältnis ist im September ausgelaufen.

Merle Frohms ist die Nummer 1 des VfL Wolfsburg und der deutschen Nationalmannschaft
Merle Frohms ist die Nummer 1 des VfL Wolfsburg und der deutschen Nationalmannschaft© 2023 Getty Images

ran: Ein häufiger Kritikpunkt sind die großen Gehaltsunterschiede zwischen den Frauen und Männern. Wie ist Ihre Meinung dazu? Sollten zumindest beim Verband, also dem DFB, oder vielleicht auch im Verein vergleichbare Gehälter gezahlt werden?

Frohms: Natürlich erscheint es auf Verbandsebene sinnvoller, eine gleiche Bezahlung einzuführen, weil der wirtschaftliche Faktor dort nicht so im Vordergrund steht wie im Verein. Wir sind weit davon entfernt, auf Vereinsebene eine gleiche Bezahlung zu erreichen. Niemand von uns fordert die finanziellen Dimensionen, die im Männer-Fußball erreicht werden. Vielmehr geht es darum, die Liga zu professionalisieren, sodass die Spielerinnen Vollprofis sind und vielleicht auch noch die Chance haben, für später ein bisschen vorzusorgen. Schließlich gehen uns durch den Fußball wichtige Jahre in der freien Wirtschaft verloren, die wir später wieder aufholen müssen.

ran: In der Bundesliga und 2. Bundesliga der Männer waren die Montagsspiele sehr unbeliebt und wurden aufgrund vieler Fan-Proteste abgeschafft. Dafür ist die Frauen-Bundesliga am Montagabend aktiv. Ist dies von Vorteil, weil es an diesen Tagen keine Konkurrenz gibt und die Spiele auch im Free-TV übertragen werden?

Frohms: Ich hatte am letzten Spieltag vor der Winterpause gegen Werder Bremen erstmals überhaupt ein Montagsspiel. Es ist ungewohnt, am Wochenende lediglich Training zu haben und Anfang der Woche zu spielen. Aber es ist tatsächlich eine Chance, um noch sichtbarer zu sein. Das Spiel am Montag ist ein Alleinstellungsmerkmal. Wer am Montagabend Bock auf Fußball hat, kommt nicht um uns herum (grinst). Aber wie gesagt: Es ist schwierig für die Spielerinnen, die am selben Tag noch arbeiten gehen müssen. Daher brauchen wir unbedingt gleiche Bedingungen.

ran: Welchen Stellenwert haben der Frauen-Fußball und speziell Ihre Mannschaft in Wolfsburg?

Frohms: Wolfsburg ist allgemein eine sportbegeisterte Stadt. Man spürt eine enorme Wertschätzung, die uns von der Stadt entgegengebracht wird. Wir haben in keiner Weise das Gefühl, benachteiligt zu werden. Hier wurden wirklich beste Bedingungen geschaffen, um einen erfolgreichen Fußball zu spielen und Titel zu holen.

ran: Zurück zu Ihrer Person: Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie Torhüterin geworden sind?

Frohms: Das fing in unserem Garten an. Mein Bruder hat Fußball im Verein gespielt und ich musste ins Tor gehen, damit er trainieren konnte. Ansonsten war ich allerdings auch relativ lange Feldspielerin. Aber wir hatten im Verein ein sehr schönes Torwarttrikot, das ich unbedingt anziehen wollte. Ich fand es toll, als einzige dieses Trikot anzuhaben. Ich bin dann sogar zu Hause damit herumgelaufen. Die Torwarthandschuhe fand ich ebenfalls cool. Das war zwangsläufig damit verbunden, dass ich mich ins Tor stellen muss.

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Oliver Kahn war in meiner Jugendzeit am präsentesten. Mein Papa hatte mir ein Torwarttrikot von Oliver Kahn geschenkt. Daher ist er der erste Torwart gewesen, den ich kannte.

Merle Frohms

ran: Wer waren Ihre Vorbilder?

Frohms: Oliver Kahn war in meiner Jugendzeit am präsentesten. Mein Papa hatte mir ein Torwarttrikot von Oliver Kahn geschenkt. Daher ist er der erste Torwart gewesen, den ich kannte.

ran: Wer ist Ihrer Meinung nach aktuell der beste Torwart der Welt?

Frohms: Ich glaube, dass wir in Deutschland sowohl bei den Torhüterinnen wie auch bei den Torhütern sehr gut aufgestellt sind - mit Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen, aber auch bei den Frauen sind wir mit vielen guten Torhüterinnen ein Vorreiter.

ran: Sie mussten sich in Ihrer Karriere sehr lange hinter Almuth Schult als Nummer 2 gedulden – sowohl beim VfL Wolfsburg wie auch in der Nationalmannschaft. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Frohms: Das war einfach ein Teil meines Entwicklungsprozesses. Es ist kein Geheimnis, dass die Rolle der Nummer 1 etwas Besonderes ist. Auf dieser Position wird nicht von Spiel zu Spiel gewechselt. Für eine Ersatztorhüterin ist es schwierig, daran vorbeizukommen. Ich war damals noch eine junge Torhüterin. Und auf dieser Position profitiert man eben auch viel von Erfahrung. Daher bin ich dankbar, dass ich mit sehr guten Torhüterinnen trainieren und von ihnen lernen konnte. Es war allerdings wichtig, den VfL Wolfsburg zwischenzeitlich zu verlassen und mich beim SC Freiburg als Nummer 1 durchzusetzen.

ran: Sie bekamen bei der Nationalmannschaft den Vorzug, als Schult sich in die Baby-Pause verabschiedete und haben Ihre Chance genutzt. Muss man sich als Fußballspielerin also praktisch entscheiden, ob Karriere oder Familie wichtiger ist?

Frohms: Das ist zumindest eine sehr bewusste Entscheidung, weil man dann mindestens neun Monate raus ist. Das müssen wir in Kauf nehmen, wenn wir während der aktiven Karriere bereits ein Kind kriegen möchten. Umso wichtiger ist es, dass der Verein optimale Bedingungen während der Schwangerschaft schafft, um den Wiedereinstieg so einfach wie möglich zu gestalten und auch eine gute Kinderbetreuung zu ermöglichen. Wenn das gegeben ist, ist das keine Entweder-Oder-Entscheidung mehr.

ran: Der Fußball-Weltverband FIFA hat einen Report veröffentlicht, laut dem die Frauen bei der WM 2023 prozentual gesehen viel häufiger in den sozialen Medien beleidigt wurden als ihre männlichen Kollegen bei der WM 2022. Haben Sie auch selber Erfahrungen damit gemacht?

Frohms: Wenn man aktiv nach Beleidigungen sucht, findet man sicherlich entsprechende Kommentare. Das ist natürlich nicht schön. Aber es gibt auch genügend Menschen, die wir begeistern und die uns unterstützen. Leider sind die negativen Kommentare in den sozialen Medien überrepräsentiert. Dort wird eher ein Hasskommentar abgegeben als dass jemand Begeisterung äußert. Mit tun die Menschen leid, denen es etwas gibt, Hass zu verbreiten. Wir sind gut beraten, uns lieber auf unser Umfeld und unsere Fans zu konzentrieren, die hinter uns stehen.

ran: Die Rechtevergabe vor der Weltmeisterschaft 2023 verlief schleppend. Lange war nicht klar, ob das Turnier überhaupt im deutschen Fernsehen übertragen wird. Dabei wurde das EM-Finale im Jahre 2022 von 17,9 Millionen Zuschauern verfolgt. Eine so hohe Quote wurde nicht einmal bei der Weltmeisterschaft 2022 der Männer erreicht. Ist es umso unverständlicher, dass die Fernsehsender dennoch so zurückhalten waren?

Frohms: Ja, absolut. Gerade nach der Europameisterschaft war die Euphorie deutlich zu spüren. Auch die breite Masse hatte erkannt, dass Frauen-Fußball wirklich sehenswert ist und viele Menschen das sehen möchten. Daher hatte ich gedacht, dass die Rechtevergabe kein großes Thema sein wird. Ich bin davon ausgegangen, dass die Sender das große Potenzial erkannt haben. Zum Glück hat sich das schlussendlich geklärt. Alles andere wäre ein Unding gewesen. Insgesamt hat sich der Frauen-Fußball positiv entwickelt. Wir erreichen mittlerweile viel mehr Menschen als früher.

ran: Was wünschen Sie sich für das Jahr 2024?

Frohms: Auf Vereinsebene wünsche ich mir, dass wir die zwei Titel gewinnen, die wir noch gewinnen können – also Pokal und Meisterschaft. Mit der Nationalmannschaft wollen wir uns im Februar für die Olympischen Sommerspiele qualifizieren. Wenn das alles klappt, wäre ich im Sommer sehr zufrieden.

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