AFRIKA-CUP 2026
Afrika-Cup - Aachen-Boss & Marokkos Ex-Nationalspieler Rachid Azzouzi im Interview: "Senegal hat verdient gewonnen"
- Veröffentlicht: 23.01.2026
- 11:26 Uhr
- Mike Stiefelhagen
Das Finale des Afrika-Cups war unabhängig vom Ausgang historisch. Marokko protestiert gegen den Senegal-Sieg. Aachen-Sportchef Rachid Azzouzi ist ehemaliger Nationalspieler Marokkos und bewertet im ran-Interview die Situationen.
Das Interview führte Mike Stiefelhagen
Randale, kontroverse Schiedsrichter-Entscheidungen, Kabinenflucht, Handtuch-Skandal, verschossener Panenka-Elfmeter und Sieg nach Verlängerung.
Marokko und Senegal lieferten sich ein chaotisches Finale beim Afrika-Cup. Gastgeber Marokko präsentierte sich dabei nicht von der sportlichsten Seite - zumindest für viele Fans rund um den Globus. Zumal sie gegen den Ausgang Protest einlegten.
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Neben teils haltlosen Vorwürfen hagelte es auch viel Kritik an der Organisation des Turniers. Mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2030, die auch zum Teil in Marokko stattfinden soll, gab es vermehrte Zweifel an einem reibungslosen Ablauf.
Rachid Azzouzi ist in Deutschland als ehemaliger Bundesliga-Profi bekannt. Der aktuelle Sportchef des Drittligisten Alemannia Aachen absolvierte zudem 37 Länderspiele für Marokko. 1992 und 1998 nahm er als Spieler am Afrika-Cup teil, 1994 und 1998 lief er zudem bei zwei WMs auf.
Im ran-Interview bewertet er das Finale aus seiner Perspektive und erklärt, ob die Sorgen um die Zukunft berechtigt sind.
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ran: Was für ein wildes Finale im Afrika-Cup! Marokko verliert gegen Senegal vor heimischer Kulisse mit 0:1 nach Verlängerung. Das muss für das fußballverrückte Land sehr schmerzhaft sein. Wie bewerten Sie das Spiel?
Rachid Azzouzi: Leider ein sehr wildes Finale. Bis zur 90. Minute war es Werbung für den afrikanischen Fußball, das Turnier und beide Mannschaften. Es tat weh, als Verlierer vom Platz zu gehen. Aber so ist der Fußball. Senegal hat den Sieg auch verdient. Wie es - mit dieser Unterbrechung - zustande gekommen ist, das steht auf einem anderen Blatt. Aber die Mannschaft selbst hat alles gegeben, war ein würdiger Finalgegner und hat verdient gewonnen.
Afrika-Cup: Azzouzi versteht Marokko-Protest
ran: Es gab kurz vor Ende der regulären Spielzeit die erste Aufregung. Ein vermeintlicher Treffer Senegals wurde aberkannt, da der Schiedsrichter zu früh abpfiff. Er sah ein Foul, unterbrach die Situation, obwohl direkt danach das Tor fiel. Hätte er Geduld bewiesen, hätte er den VAR nutzen können. Ist die Kritik am Schiedsrichter hier berechtigt?
Azzouzi: Ich kann verstehen, dass man da natürlich super emotional ist und sich aufregt, aber er hat nun mal zu früh gepfiffen. Deswegen war das nachher korrekt. Es hat Freistoß gegeben - ist eine Tatsachenentscheidung. Da kann man im Nachhinein nicht mehr den Videobeweis heranziehen.
ran: Kurz darauf gab es nach einem Halten im Strafraum einen Elfmeter für Marokko. Zu Recht?
Azzouzi: Ja. Klarer Elfmeter. Da braucht der Schiedsrichter eigentlich gar nicht rausrennen, sondern das muss er so schon sehen. Das ist halt eine Situation, die man dann mit dem VAR letztlich dann einfach noch mal kontrolliert, und dann hat man Elfmeter gegeben. Es ist kein strittiger Elfmeter, sondern ein klarer Elfmeter für mich. Dann hätten sie eigentlich nur das Tor reinmachen müssen.
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ran: Was Marokko verwehrt wurde. Denn Senegal fühlte sich benachteiligt und verließ geschlossen den Platz gen Kabine. Ehe sie nach einer längeren Unterbrechung wieder herauskamen, um weiterzuspielen. Der Elfmeter wurde dann verschossen. Marokko protestiert im Nachgang gegen dieses Verhalten, nennt es unsportlich und einen Eingriff in den Spielverlauf. Können Sie das nachvollziehen?
Azzouzi: Den Protest kann ich schon nachvollziehen. Weil die Abläufe es nicht zulassen, dass ein Trainer eine Mannschaft in die Kabine beordert. Bei allem Ärger und bei allem Unverständnis für die zwei Situationen. Das geht nicht. Insbesondere vom Trainer nicht. Das gehört meines Erachtens sanktioniert. Aber ich bin jetzt dagegen zu sagen, Senegal muss man irgendwas aberkennen oder sonst irgendwas. Sie waren ein würdiger Finalgegner und haben in der Verlängerung verdient gewonnen.
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Marokko-Elfer: Azzouzi vermutet Voodoo-Spielchen
ran: Hätte das Finale zum Zeitpunkt der Kabinenflucht abgebrochen und zugunsten Marokkos gewertet werden müssen?
Azzouzi: Nein. Davon halte ich nichts. Kein Mensch will irgendwas am grünen Tisch gewinnen. Es war schon gut, dass es dann weitergegangen ist.
ran: Den Turniersieg im Heimatland auf dem Fuß, doch Brahim Díaz verschoss den Elfmeter in Panenka-Manier. Ein softer Lupfer in die Mitte. Wie fällt da die Reaktion von außen aus?
Azzouzi: Es gibt viele Spieler, die den Elfmeter so schießen. Ich halte nicht so viel davon. Ich finde es auch nicht sehr respektvoll. Er hatte sehr, sehr viel Druck, das hat man gemerkt. Er musste gefühlt 20 Minuten auf diesen Elfmeter warten, weil er wusste, dass er den Elfmeter schießt, nachdem es entschieden worden war. Er musste so lange warten. Das war eine unfassbare Anspannung und er war meines Erachtens leichenblass.
Er ist noch ein junger Spieler. Ich hätte mir auch gewünscht, dass er den Elfmeter anders schießt. Und wenn man ihn nicht reinmacht, ist eh alles verkehrt. Hoffentlich zieht er seine Lehren daraus. Aber Díaz hatte sehr viele gute Momente in dem Turnier gehabt und war maßgeblich daran beteiligt, dass die Nationalmannschaft ins Finale gekommen ist. Das darf nicht untergehen.
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ran: Die Marokkaner versuchten beim Elfmeter jedoch auch zu irritieren. Mehrere Spieler wollten das Handtuch zum Abwischen der Hände des Senegal-Keepers klauen, legten sich dafür mit dem Ersatztorwart an, schubsten diesen. Mentale Spielchen?
Azzouzi: Das hat gar nichts mit mentalen Spielchen zu tun. Ich habe mich auch gewundert, warum die das machen. In Afrika sind Themen wie Voodoo und solche Dinge weitverbreitet. Ich glaube, dass das eher was damit zu tun hatte, als dass sie dem Torwart irgendwie das Handtuch klauen wollten. Als ich in Afrika spielte, gab es auch immer wieder diese Rituale. Ich habe dem nicht viel beigemessen, aber es kann hier eine Rolle gespielt haben. Trotzdem: Einfach Handtuch liegen lassen und den Torwart damit machen lassen, was er möchte.
Azzouzi: Europa randaliert mehr als Afrika
ran: Für einige Fans profitierte Marokko im Laufe des Turniers von der einen oder anderen kontroversen Schiedsrichter-Entscheidung. Gibt es so etwas wie einen Schiri-Bonus für den Gastgeber?
Azzouzi: Das ist ein haltloser Vorwurf. Das kann man in der einen oder anderen Szene vielleicht so sehen. Dass gefühlt etwas mehr für die Heimmannschaft gepfiffen wurde, habe ich aber bei Europameisterschaften oder auch Weltmeisterschaften ebenfalls erlebt. Ich fand das beim Afrika-Cup jetzt nicht so gravierend. Marokko war in allen Spielen die bessere Mannschaft. Jetzt im Endspiel war es ein ausgeglichenes Spiel.
ran: Randale, beinahe der Final-Abbruch - das wirft kein gutes Licht auf Marokko. Das Land will 2030 die WM austragen. Muss man um einen vernünftigen Turnierverlauf bangen?
Azzouzi: Wenn ich an die WM 1998 in Frankreich denke, wo ein Polizist fast zu Tode geprügelt worden ist, da kann man sich ja auch fragen: Was hat man da eigentlich gemacht? Was ist mit den ganzen Europameisterschaften, wo es Ausschreitungen gab? Nein, ich fand, der Afrika-Cup war sehr sicher. Ich habe auch nichts davon gehört, dass irgendeinem Menschen irgendwas passiert ist.
Die Randale, die es jetzt gab, die rührten aus der Emotion, in der Nachspielzeit einen Elfmeter zu geben. Deswegen sind die senegalesischen Fans ein bisschen ausgerastet, sind runtergesprungen. Trotzdem hat man das einigermaßen im Griff gehabt, auch wenn das natürlich nicht sein darf. Aber ich habe gar keine Sorge, dass Marokko die WM nicht austragen kann. Solche Randale habe ich in europäischen Stadien mehr gesehen als jetzt beim Afrika-Cup.
ran: Jetzt steht erstmal die WM in den USA, Kanada und Mexiko an. Toni Kroos nannte Marokko als einen der WM-Favoriten für 2026. Gehen Sie da mit?
Azzouzi: Ich schätze Toni sehr. Er hat das nicht umsonst gesagt. Es passiert schon einiges in Marokko. Aber ich würde uns nicht als WM-Favoriten sehen. Sondern als eine Nation, die durchaus sehr weit kommen kann. Ich hoffe, dass die Mannschaft weiter wächst. Auch die Lehren aus diesem Afrika-Cup-Finale zieht und dann eine gute Rolle bei der WM spielt.