Bundesliga
Dominik Kohr im Kreuzfeuer der Kritik - Jens Nowotny exklusiv: "Das abzulegen und zu ändern, ist schwierig"
- Veröffentlicht: 25.11.2025
- 10:32 Uhr
- Chris Lugert
Jahrelang hielt Jens Nowotny den Rekord für die meisten Platzverweise in der Bundesliga, am vergangenen Spieltag überholte ihn Dominik Kohr endgültig. Im ran-Interview spricht Nowotny über den Mainzer und über seinen Ex-Klub Bayer Leverkusen.
Von Chris Lugert
Jens Nowotny war über mehr als eine Dekade der Inbegriff des Raubeins. Acht Platzverweise in der Bundesliga - darunter fünfmal glatt Rot - handelte sich der ehemalige Innenverteidiger im Laufe seiner Karriere ein.
Damit stand Nowotny in der unrühmlichen Bestenliste lange unangefochten auf Platz eins, ehe Luiz Gustavo zu ihm aufschloss. In dieser Saison bekam der exklusive Klub Zuwachs in Person von Dominik Kohr, seit vergangenem Freitag steht der Mainzer sogar allein an der Spitze.
Nach dem üblen Foul an Hoffenheims Max Moerstedt sah Kohr die Rote Karte, sein neunter Platzverweis in der Bundesliga. Inzwischen sperrte ihn das DFB-Sportgericht für drei Spiele und brummte ihm zudem eine Geldstrafe in Höhe von 15.000 Euro auf.
Dass Nowotny seinen Rekord endgültig abgeben musste, ruft beim langjährigen Spieler von Bayer Leverkusen nur wenige Emotionen hervor. "Es gehört halt dazu. Ich meine, ich kann ja nicht sagen, ich habe so und so viele Bundesligaspiele gemacht, aber das andere lässt man runterfallen", sagte Nowotny im ran-Interview. "Es ist emotionslos. Ob ich da jetzt führend bin oder nicht, ist eigentlich egal."
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Emotionen bei den Fußballfans löste hingegen Kohrs Aktion gegen Moerstedt aus, nicht zum ersten Mal sorgte der Mittelfeldspieler mit einem Zweikampf fernab der Legalität für Aufsehen. Sein Spitzname "Hardkohr" kommt nicht von ungefähr, doch der einstige Kultstatus weicht immer mehr Entsetzen über den 31-Jährigen.
Nowotny nimmt Kohr in Schutz
Nowotny mahnt in der Debatte zur Besonnenheit. "Wir gehen mal alle davon aus, dass niemand, der in der Bundesliga Rote Karten bekommt, einen anderen Spieler absichtlich verletzen will oder in Kauf nimmt, eine längere Sperre zu bekommen", sagte er.
Kohr lebe von seiner Spielweise, die nun einmal physischer Natur sei. "Er ist einer, der über Zweikämpfe kommt und auch robust in den Zweikämpfen ist. Und manchmal kommt er diese Zehntelsekunde zu spät", erklärt Nowotny. Dieses Naturell lasse sich auch nicht mehr verändern.
"Mit dem Anpassen ist das immer so eine Sache, wenn es - im positiven Sinne - wirklich ein Merkmal ist von einem Spieler, der über diesen Einsatz, über diesen Willen die Mannschaft dann auch durchaus mitreißt", verweist Nowotny auf Kohrs Bedeutung als Leader für das Mainzer Spiel.
Das Risiko, einen Gegenspieler unabsichtlich zu verletzen, sei bei Spielern wie Kohr höher. "Andere Spieler, die vielleicht verbal in den Infight gehen und über das Provozieren kommen, riskieren auf diese Weise auch, eine Gelbe Karte oder eine Gelb-Rote Karte zu bekommen", so Nowotny. "Und das abzulegen und das zu ändern, das ist schwierig."
Die Reaktionen auf Kohrs Foul waren einhellig. Ex-Schiedsrichter Manuel Gräfe sprach davon, dass es eigentlich eine Schwarze denn eine Rote Karte gebraucht hätte, sogar Teamkollege und Nationalspieler Nadiem Amiri erkannte eine "ganz klare Rote Karte", garniert mit dem Zusatz, dass die Szene "nicht so schlau von ihm" gewesen sei.
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Nowotny über Kohr: "Gegner bekommt Respekt"
Denn Kohr wird den 05ern in den kommenden Wochen fehlen - zum wiederholten Male. In den Spielen beim SC Freiburg, gegen Borussia Mönchengladbach und bei Bayern München muss er zuschauen, erst am 21. Dezember kann er im Kellerduell mit dem FC St. Pauli wieder eingreifen. Kohr selbst erklärte, er sei von den Fernsehbildern seines Einsteigens selbst erschrocken gewesen.
Wenngleich Amiri deutliche Kritik ansprach, glaubt Nowotny nicht, dass Kohr intern mit Maßregelungen zu rechnen habe. "Ich könnte mir vorstellen, dass darüber eher geflachst wird, als dass man ihn in die Pflicht nimmt. Denn es ist ja nicht so, dass er in jedem Spiel übers Ziel hinaus schießt, sondern mit seiner Spielweise die Mannschaft mitreißt", sagte der 48-malige Nationalspieler.
Es sei wichtig, "körperlich betonte Mitspieler" zu haben, "die auch mal so in Zweikämpfe gehen, dass der Gegner ein bisschen Respekt bekommt". In seiner aktiven Zeit sei das auch nicht anders gewesen, stellt Nowotny klar.
"Das ist einfach hingenommen worden bei mir. Ich glaube, ich hatte immer nur ein Spiel Sperre bei einer Roten Karte. Insofern akzeptiert man das vielleicht eher, weil es passieren kann", blickt er zurück. Klar sei aber auch: Zu oft dürfe sich Kohr keine Ausfälle mehr erlauben.
"Wenn du natürlich drei Spiele gesperrt bist und du bist ein Stammspieler, dann ist es schon eine Sache, bei der du - wenn es öfter passiert - nachdenken musst", so Nowotny. "Da nimmt man ihn auch mal zur Seite und sagt: 'Pass auf, mein Freund, vielleicht solltest du dir mal Gedanken machen. Wenn nochmal so etwas passiert, gibt es eine höhere Strafe und du schädigst damit unsere Mannschaft.'"
Nowotny glaubt nicht an Überraschung gegen City
Kohr und Nowotny verbindet nicht nur ihre Sammlung an Platzverweisen, sondern auch ihre langjährige Leverkusener Vergangenheit. Kohr stammt aus der Jugend der Werkself und bestritt 69 Pflichtspiele für die Profis, ehe er den Verein 2019 endgültig verließ.
Beide werden daher wohl mit Spannung auf den Auftritt von Bayer am Dienstagabend in der Champions League bei Manchester City (ab 21:00 Uhr im Liveticker) schauen. Leverkusen steht mit fünf Punkten nach vier Spielen ziemlich unter Druck und benötigt mit Blick auf den Einzug in die K.-o.-Runde jeden Punkt.
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Vor drei Wochen gelang durch das 1:0 bei Benfica Lissabon zwar der ersehnte erste Sieg, doch die verlorenen Punkte durch die beiden Unentschieden in Kopenhagen (2:2) und zu Hause gegen Eindhoven (1:1) schmerzen enorm.
Nowotny traut seinem Ex-Team gegen das Starensemble um Erling Haaland und Co. nicht viel zu. "In der aktuellen defensiven Verfassung glaube ich nicht, dass sie da einen Sieg holen können", sagte er.
Zwar sei im Fußball generell immer alles möglich und City, das am Wochenende in der Premier League in Newcastle verlor, sei nicht so stabil wie in der Vergangenheit. "Aber trotzdem glaube ich eher an einen relativ deutlichen Sieg für Manchester. Kein 6:0 oder so etwas, aber dennoch ziemlich ungefährdet", meint Nowotny.
Bayer wieder Top-4 in der Bundesliga? "Fest überzeugt"
Die generelle Entwicklung von Leverkusen nach dem Missverständnis mit Erik ten Hag unter dessen Nachfolger Kasper Hjulmand sieht er jedoch positiv. "Gegen die großen Mannschaften hat Bayer sang- und klanglos verloren. Aber vom Grundsatz her meine ich zumindest, dass es ein bisschen stabiler geworden ist, was ein normales Fußballspiel anbelangt, in dem Bayer den Gegner spielerisch auch im Griff haben kann", so Nowotny.
Trotz des gewaltigen Umbruchs im Sommer ist der WM-Dritte von 2006 daher auch fest davon überzeugt, dass Bayer in der Bundesliga am Saisonende wieder unter den vier besten Teams stehen wird.
"Die Qualifikation für die Champions League ist garantiert wieder drin in der Bundesliga. Davon bin ich fest überzeugt, weil sie einfach diese Offensivqualität haben und die vermeintlich kleineren Mannschaften, die eher hinten drinstehen, durchaus beherrschen", sagte er.
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