Kehrt der NFL den Rücken: Markus Kuhn beendet seine aktive Karriere - Bildquelle: imago/Icon SMI, WikipediaKehrt der NFL den Rücken: Markus Kuhn beendet seine aktive Karriere © imago/Icon SMI, Wikipedia

München - Nach vier Jahren bei den New York Giants hat Markus Kuhn diese NFL-Saison als Zuschauer verfolgt. In der Preseason stand der Defensive Tackle noch für die New England Patriots auf dem Platz, verpasste jedoch den Sprung in den 53 Spieler umfassenden Kader für die Regular Season.

Beim Super Bowl LI in Houston (5. Februar, ab 22:55 Uhr live in SAT.1 und auf ran.de) wird Kuhn seine Ex-Kollegen im Duell mit den Atlanta Falcons als ran-Experte live aus dem NRG Stadium verfolgen.

Dann jedoch schon als Ex-Profi. Denn der 30-Jährige gibt im exklusiven ran-Interview seinen Rücktritt vom aktiven Sport bekannt. Kuhn erklärt die Gründe für seinen überraschenden Schritt und verrät, was er in Zukunft vorhat.

ran.de: Herr Kuhn, Ihr Ex-Klub New England Patriots hat den Super Bowl LI erreicht und trifft dort nun auf die Atlanta Falcons. Da Sie bereits im September 2016 den Cut bei den Patriots nicht überstanden haben, werden Sie somit auch in Houston nicht mit auf dem Rasen stehen. Wie sehr schmerzt Sie das?

Markus Kuhn: Der Grund, warum ich mich im Sommer des vergangenen Jahres für einen Wechsel zu den New England Patriots entschieden habe war, dass sie die beste Mannschaft der NFL sind. Und es war schon damals klar, dass sie definitiv wieder ein Super-Bowl-Kandidat sein werden. Ich habe mehrere Monate bei den Patriots verbracht und mich dem enormen Konkurrenzkampf dieses Teams gestellt - das war die vielleicht schwierigste Aufgabe meiner Football-Karriere. Am Ende hat es dann leider ganz knapp nicht gereicht. Jetzt zu spekulieren, was vielleicht gewesen wäre, wenn ich es geschafft hätte, wäre aus meiner Sicht ganz falsch. Und so denke ich auch nicht.

ran.de: Wie ist es für Sie persönlich nach dem Aus bei den Patriots im September 2016 weitergegangen?

Kuhn: Der Anruf der Patriots kam an einem Freitag. Ich bin dann zu einem Treffen mit Head Coach Bill Belichick gefahren und dort wurden dann ein paar nette Worte ausgetauscht. Sie haben mir mitgeteilt, dass es für mich erst einmal leider nicht gereicht hat, die Patriots aber gerne während der Saison auf mich zurückgreifen wollen würden, wenn sie Bedarf auf meiner Position haben und ich verfügbar wäre. Nach dem darauffolgenden Wochenende hat sich dann gleich montags das erste Team bei mir gemeldet und mich zum Training eingeladen. Ich war ja ab sofort Free Agent.

ran.de: Und was ist dann passiert?

Kuhn: Ich bin nicht hingefahren.

ran.de: Warum?

Kuhn: Ich habe erfahren, dass sie neben mir noch mehrere andere Defensive Tackles eingeladen hatten - unter anderem von den New England Patriots. Das zeigte mir, dass das Interesse dieses Klubs nicht nur mir alleine galt. Und ich merkte, dass ich mich mit den Regeln der Free Agency nicht so recht anfreunden kann.

ran.de: Wie meinen Sie das?

Kuhn: Der typische Probe-Trainingstag in der NFL ist der Dienstag. Also rufen dich die Teams in den meisten Fällen montags oder manchmal sogar erst ganz kurzfristig dienstags an und laden dich zur Trainingseinheit an besagtem Dienstag ein. Dann heißt es schnell hin- und danach wieder wegfliegen. Das machen die dann mit mindestens zehn Defensive Tackles, meiner Position, und lassen alle bei sich vortanzen. Da geht es erst zum Medizincheck und danach wird dann noch so eine Art Try-Out absolviert. Eine Entscheidung, ob überhaupt jemand für das Team infrage kommt, wird erst viel später gefällt. Das ist normal, so läuft eben die typische Free Agency ab. Aber ich wollte einfach nicht, dass meine NFL-Karriere so ausläuft. Und deshalb habe ich einen Entschluss gefasst.

ran.de: Welchen?

 

Kuhn: Ich habe nach reiflichen Überlegungen für mich persönlich entschieden, dass ich meine aktive Karriere lieber beenden möchte. Diese Entscheidung steht bereits seit ein paar Monaten fest. Meine Familie und meine engsten Freunde wissen es auch schon seit einiger Zeit. Ich habe in den vergangenen Jahren mehr erreicht, als ich mir jemals erträumt hätte. Es war wirklich eine überragende Zeit und ich habe einfach für mich entschieden, dass ich in meinem fünften NFL-Jahr diese Rundreise zu sämtlichen Teams nicht mitmachen will. Zumal ich auch weiß, dass ich durch diese Entscheidung von keinem Multi-Millionen-Dollar-Vertrag wegrenne. Mit ein bisschen Glück hätte ich vielleicht noch ein, zwei Jahre spielen können. Mehr aber auch nicht. Ich bin aber überhaupt nicht wehmütig und fühle mich mit dieser Entscheidung sehr wohl.

ran.de: Wie waren die Reaktionen auf Ihre Entscheidung?

Kuhn: Generell wird es jetzt bestimmt den einen oder anderen geben, der nicht verstehen kann, dass ich es mit 30 Jahren nicht doch nochmal mit Händen und Füßen versucht habe, in die NFL zurückzukehren. Das kann ich auch absolut nachvollziehen. Aber ich hatte in den vergangenen vier Jahren eine supergeile Zeit. Als ich vor zehn Jahren in die USA kam, war mein allergrößter Traum ein College-Spiel zu absolvieren. Dass ich am Ende vier Jahre in der NFL spielen und der erste Deutsche sein würde, der in der NFL einen Touchdown erzielt, hätte ich nie und nimmer für möglich gehalten. Man sollte im Leben auch nicht zu vermessen, sondern mit dem Geleisteten lieber zufrieden sein. Und das bin ich. Ganz ehrlich: Ich habe mich mit meiner NFL-Karriere quasi selbst übertroffen. (lacht)

ran.de: Wie sehen jetzt Ihre Zukunftspläne aus?

Kuhn: Ich möchte dem Football-Sport auf jeden Fall erhalten bleiben. Am 5. Februar reise ich ja bereits zum zweiten Mal als Experte mit dem ranNFL-Team zum Super Bowl und werde auch weiterhin meine Kolumne auf ran.de schreiben. Ab Herbst 2017 versuche ich dann wieder den Geist ein wenig aufzufrischen und werde an einer Universität in New York einen Master-Studiengang beginnen. Welche Uni und welcher Studiengang es wird, steht allerdings noch nicht genau fest.

 

ran.de: Warum haben Sie sich nochmal für ein Studium entschieden?

Kuhn: Es ist nicht so, dass ich nach vier Jahren als NFL-Profi jetzt einfach die Füße hochlegen kann und nichts mehr arbeiten brauche. Aber nach all den Jahren als Profisportler wollte ich mich auch nicht gleich in etwas Festes stürzen, sondern mir die Zeit nehmen, um das Richtige für mich zu finden. Es ist ja immerhin ein extremer Karrierewechsel. Und deshalb möchte ich mich erst einmal mit einem Studium weiterbilden und mir in dieser Zeit überlegen, wie es beruflich für mich weitergeht.

ran.de: Wie würden Sie ihre NFL-Karriere im Rückblick beurteilen?

Kuhn: Als Außenstehender kann man sich diesen ganzen NFL-Zirkus gar nicht so richtig vorstellen. Und dass ich quasi in dieser riesigen Manege - schon im College - mit dabei sein durfte, mit all den unzähligen Fans, dieser unglaublichen Infrastruktur, das ist der absolute Wahnsinn. Und dafür bin ich extrem dankbar.

ran.de: Was nehmen Sie aus all dieser Zeit für sich persönlich mit?

Kuhn: Dass man alles erreichen kann, was man will. Das klingt zwar platt, ist aber das, was mich die vergangenen zehn Jahre gelehrt haben. Dieses Selbstbewusstsein hatte ich am Anfang meiner Karriere noch nicht. Aber diese harte Schule, im College und in der NFL, sich jeden Tag neu beweisen zu müssen, sich auf meiner Position des Defensive Tackle quasi mit Männern zu prügeln, ohne dabei selbst verprügelt zu werden, das ist nicht nur körperlich, sondern auch und vor allem mental eine riesengroße Herausforderung.

Interview: Dominik Hechler

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